
allgemeine Informationen
Studiengänge: Lehramt / Musikpädagogik
Dozent: Prof. Dr. Ulrich Kaiser
Unterrichtseinheiten: 14 Sitzungen
Zeitaufwand: jeweils 45 Minuten
Voraussetzungen: keine

Quelle: Wikimedia
Dieses Dokument wurde am 30.01.2025 als Einführung in die verschiedenen Methoden der musikalischen Analyse begonnen. Mein Ziel war es, Interesse dafür zu wecken, auf wie vielfältige Weise man Musik hören und verstehen kann. Das verhältnismäßig große Interesse an diesem Thema – siehe hierzu auch die Top 10 der OMA – hat mich dazu bewogen, den Lehrgang regelmäßig zu überarbeiten und zu erweitern. Aufgrund des stetig wachsenden Umfangs habe ich die Anleitung zum Wintersemester 2026/27 zu einem öffentlichen Seminar ausgebaut, das ich in dieser Form auch an der Hochschule für Musik und Theater München unterrichte.
Themen
Einführung
Komplexität und Reduktion
Theorie & Praxis
Kontrapunkt & Harmonielehre
Incision, Interpunktion & Form
Satzmodelle
Generalbass & Oktavregel
Stufentheorie (Weber)
Funktionstheorie (Riemann)
Grafische Analyse (Schenker)
Sinfonische Welle (Kurt)
Quintenturm & Terzensäule
Symmetrische Skalen (Messiaen)
Das Achsensystem (Lendvai)
Tonfeldanalyse (Simon)
Pitch-Class-Set Theory (Forte)
Forensische Analyse und das Urheberrecht
Vorbemerkung
Werkzeug oder Weltanschauung?
Wenn wir über Musik sprechen oder schreiben, verwenden wir Zahlen, Buchstaben und Symbole. Wir setzen zum Beispiel eine 7 unter einen Basston, malen ein D (= Dominante) unter einen Akkord oder ordnen einem Basston eine IV. Stufe zu. Doch was tun wir, wenn wir das tun?
Oft wird im Studium der Eindruck vermittelt, diese Systeme seien Theorien, die uns erklären könnten, wie eine bestimmte Musik funktioniert. Doch in einem Symbol oder einer Ziffer steckt tatsächlich nur sehr wenig Theorie:
- Eine 7 zum Beispiel benennt lediglich ein Intervall über dem Bass, sagt aber nichts darüber aus, ob dieser Ton eine notwendige Dissonanz, ein Durchgang oder eine Klangfarbe ist.
- Ein D kann uns im besten Fall eine bestimmte Wirkung andeuten, setzt aber das Verständnis des harmonischen Zusammenhangs bereits voraus, anstatt ihn zu begründen.
- Eine IV beschreibt den Grundton eines Akkords im Abstand zum Grundton einer Tonleiter und ist nicht viel mehr als die Einordnung in eine Systematik.
Diese theoretischen Leistungen sind tatsächlich sehr bescheiden; sie verdienen nicht den Namen Theorie, die uns ja eigentlich beim Verstehen von Musik helfen soll. Theoretische Fragen müssten daher klären, warum an einer bestimmten Stelle eine 7, eine Dominante oder eine IV. Stufe erklingt.
In den meisten Fällen sind die gängigen ›Musiktheorien‹ daher lediglich Methoden, die über Etiketten symbolisieren, was Musikerinnen und Musiker auch direkt am Notentext erkennen können. Sie sind hilfreich, um Beobachtungen zu systematisieren, jedoch ersetzen sie nicht das Nachdenken über musikalische Zusammenhänge, die diese Zeichen erst hervorbringen.
In diesem Seminar werden die gängigen Methoden der Musiktheorie und auch Ansätze zu echten Theorien (z.B. die Oktavregel oder die graphische Analyse) vorgestellt, wobei insbesondere die graphische Analyse aufgrund ihrer Theoriehaltigkeit nicht selten in der Kritik steht.
