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Musikalische Analyse und ihre Methoden
Inhalt
Sinfonische Welle
Richard Wagner nannte die Symmetrie vieler Musikstücke der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einmal abfällig Quadratur einer konventionellen Tonsatzkonstruktion. Versuche, die Musik Wagners und Bruckners mit neuen Modellen zu beschreiben, gehen in erster Linie auf August Halm (1869–1929) und Ernst Kurth (1886–1946) zurück. Die mit dem deutschen Musikpädagogen und österreichischen Musikwissenschaftler verbundene musikanalytische Richtung wird auch als musikalische Energetik oder musikalischer Energetismus bezeichnet. Damit ist gemeint, dass musikalische Form sich nicht mehr architektonisch, also in klar abgegrenzten Formteilen vermittelt, sondern nur im Auf- und Abbau von Spannung erlebt werden kann. In diesem Zusammenhang findet sich auch oft der Begriff Formung statt Form sowie die Metapher einer Welle: Denn eine idealtypische Welle bäumt sich auf (Spannungsaufbau), hat eine Krone (Spannungshöhepunkt) und verläuft sich wieder (Spannungsabbau). Die folgende Abbildung zeigt bei Ziehen des Sliders, dass sich der Kopfsatz der 1. Sinfonie in c-Moll Op. 11 von Felix Mendelssohn recht gut mithilfe einer Welle beschreiben lässt:
Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 11, 1. Satz: Allegro di molto, Hochschulsymphonieorchester (München), Ltg. Marcus Bosch
Konzertmitschnitt mit Postproduktion der Hochschule für Musik und Theater München 2023, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Warum sich die energetische Beschreibung von Musik als Methode der musikalischen Analyse nicht durchsetzen konnte, ist schwer zu sagen. Ein möglicher Grund für die unterbrochene Rezeption in der Nazizeit wurde oben im Zusammenhang mit der Funktionstheorie bereits angedeutet. Denn die Funktionstheorie wurde durch Musiktheoretiker mit brauner Vergangenheit wie Paul Schenk, Hermann Grabner und Wilhelm Maler breit rezipiert, während die Rezeption der energetischen Musiktheorie nach Kurth im Nazideutschland unterdrückt worden ist.
Seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gibt es eine Renaissance der in Deutschland verdrängten musikanalytischen Ansätze. Wolfgang Krebs hat sich dabei insbesondere um eine Weiterentwicklung des Instrumentariums einer energetischen Musikanalyse bemüht. An der eingangs abgebildeten Welle könnte kritisiert werden, dass sie zwar die Abfolge von lauten (spannungsreichen) und leisen (entspannteren) Teilen gut beschreibt, aber an den Kanten die energetische Wirkung nur sehr ungenau skizziert. Dem Auf und Ab der Welle lässt sich beispielsweise nicht entnehmen, ob ein lautes Ereignis kontinuierlich oder plötzlich eintritt usw. Im Folgenden siehst du vier Wellenformen. Für die ersten drei übernehmen wir die von Wolfgang Krebs vorgeschlagene Terminologie.
Die Fluktuationswelle
Das Kurvenbild einer Fluktuationswelle ist durch einen langsamen und fließenden Anstieg, einen Höhepunkt und eine wiederum langsame Rückentwicklung charakterisiert. Die Fluktuationswelle ist eine symmetrische Erscheinung mit einer Ausdehnung von 10, 20 oder mehr Takten. Ein solcher Spannungsverlauf findet sich beispielsweise im Kopfsatz der 6. Sinfonie Op. 68 (Pastorale)von Ludwig v. Beethoven:

Fluktuationswelle, Lizenz: CC0-1.0
Quelle: YouTube
Die Expansionswelle
Demgegenüber weist die Expansionswelle einen langsamen und kontinuierlichen Anstieg bis zu einem Höhepunkt auf. Der Wellenkrone folgt eine relativ schnelle Rückentwicklung. Die Expansionswelle ist daher asymmetrisch, ein schönes Beispiel für diesen Spannungsverlauf findet sich zum Beginn der 2. Sinfonie (Auferstehung) von Gustav Mahler:

Expansionswelle, Lizenz: CC0-1.0
Quelle: YouTube
Die Degressionswelle
Die Degressionswelle ist durch ein plötzliches Aufbäumen bzw. ein unvermitteltes Erscheinen (z.B. durch ein plötzlich einsetzendes Orchestertutti) charakterisiert. Auch sie ist asymmetrisch, jedoch mit einem Höhepunkt am Anfang, während ihr weiterer Verlauf eine ausführliche und relativ langsame Rückentwicklung zeigt. Degressionswellen sind in der Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts ausgesprochen häufig anzutreffen, ein solcher Spannungsverlauf findet sich beispielsweise in der 6. Sinfonie Op. 74 von Peter I. Tschaikowsky:

Degressionswelle, Lizenz: CC0-1.0
Quelle: YouTube
Die Blockwelle
Im Zusammenhang mit Instrumentalmusik des frühen 18. Jahrhunderts wird häufig von Terrassendynamik gesprochen. Dieser Begriff bezieht sich auf die Dynamik (also einen guten Indikator für eine hohe Spannung) und besagt, dass Lautstärkeverläufe nicht fluktuierend, sondern nach dem Modell einer Terrasse beschreibbar sind. Das Plateau der Terrasse entspricht dabei dem Parameter laut, die Umgebung dem Parameter leise. Wie die Fluktuationswelle sind Blockwellen symmetrische Erscheinungen, die einen plötzlichen Spannungsanstieg (wie die Degressionswelle) haben, aber darüber hinaus auch einen schnellen Spannungsabbau (wie die Expansionswelle). Das folgende Beispiel zeigt einen Blockwellenverlauf in der Sinfonie Hob. I:100 (Militär) von Joseph Haydn:

Blockwelle, Lizenz: CC0-1.0
Quelle: YouTube
Die hier vorgestellten Wellenformen bilden ein gutes Instrumentarium zur Erschließung der Form höchst komplexer Orchestermusik (beispielsweise um 1900). Die Aufgabe einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Musik könnte es darüber hinaus sein, Modelle der Aufeinanderfolge von Wellen zu konstruieren, um so ggf. Zeit- und Personalstile theoretisch zu erschließen und deren Wirkung besser verstehen zu können. Die gezeigten Wellenformen bieten darüber hinaus ein methodisches Werkzeug, um im Musikunterricht allgemeinbildender Schulen Orchestermusik zu thematisieren, deren Komplexität und Länge einer Notenanalyse entgegensteht. Und nicht zuletzt lassen Spannungsverläufe eine Harmonisierung von emotionalem Erleben und theoretischem Beschreiben zu, was sich durch kein anderes musiktheoretisches Werkzeug in vergleichbarem Maße bewerkstelligen lässt. Die Konzentration auf den Spannungsverlauf eines Stücks oder eines musikalischen Abschnitts ist zudem hilfreich, größere musikalische Zusammenhänge als Einheiten aufzufassen, wie das abschließende Beispiel aus dem Vorspiel zum 1. Akt der Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner zeigt:

Tristan und Isolde | Wellenform des Vorspiels, Lizenz: CC0-1.0
Quelle: YouTube
Probleme
Die didaktisch beliebten Lautstärkediagramme können an einen Spannungsverlauf gekoppelt sein, müssen es jedoch nicht. Eine Spannungssteigerung lässt sich auch durch ein Diminuendo und eine Generalpause komponieren wie beispielsweise gegen Ende der Opern La Traviata von Giuseppe Verdi oder La Bohème von Giacomo Puccini oder wie zur Vorbereitung der Reprise im Kopfsatz der 6. Sinfonie von Peter I. Tschaikowski. Jede Form der Visualisierungen von Spannungsverläufen kann anzeigen, dass wir einen Spannungsverlauf wahrnehmen, jedoch keine Begründung dafür geben, warum wir ihn wahrnehmen. Wie vielen Methoden der Musiktheorie fehlt auch einer energetischen Betrachtungsweise Theorie, um generalisierende Aussagen über Musik treffen zu können. Darüber hinaus wird ein Vorzug der energetischen Betrachtungsweise von Musik – die Entlastung vom Notenlesen komplexer Partituren – in pädagogischen Kontexten auch als Problem der Methode gesehen: nämlich die Entlastung vom Notenlesen.

