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Musikalische Analyse und ihre Methoden

Inhalt

Grafische Analyse (Reduktionsanalyse)

Geschichte

In einer grafischen Analyse oder Reduktionsanalyse wird versucht, in einer grafischen Darstellung das Notenbild einer Komposition auf einen Gerüstsatz zu reduzieren. In einem solchen Analysegrafen werden Rhythmik und motivisch/thematische Besonderheiten vernachlässigt. Heinrich Schenker hat Theorie und Methode der grafischen Analyse in Wien entwickelt, insbesondere durch seinen 1939 emigrierten Schüler Felix Salzer wurde sie in Nordamerika intensiv rezipiert und ist dort heute weit verbreitet. Martin Eybl hat darauf hingewiesen, dass sich Schenkers Konzept mit dem Aufbau des psychischen Apparats bei Sigmund Freud (Ich, Über-Ich, Es) in Beziehung setzen lässt. Da weder in der Musik noch der Psyche Tiefenstrukturen faktisch gegeben sind, lassen sich Schenkers und Freuds Ideen kulturhistorisch auch als Denkfiguren verborgener Ordnungen interpretieren, mit dem eine intellektuelle Elite Wiens um die Jahrhundertwende auf das Zerbrechen äußerer Systeme (politischer und kultureller) reagiert hat.

In grafischen Analysen kennzeichnen Notenlängen die strukturelle Bedeutung einer Tonhöhe und nicht die spezifische Länge eines Tons. Im Bereich der Popularmusikanalyse ist das hilfreich, weil Tonhöhen gewichtet werden können, ohne dass deren Rhythmus notiert werden müsste. Damit wird die Schwierigkeit umgangen, das Mikrotiming in Popularmusik mit traditioneller Musiknotation skizzieren zu müssen. Zur Chiffrierung der Harmonik werden in grafischen Analysen nach H. Schenker Stufensymbole (s.o.) verwendet.

Heinrich Schenker hat seine Methode an den sogenannten Meisterwerken der Musik entwickelt. Die verschiedenen Schichten werden als Vorder-, Mittel- und Hintergrund (Ursatz) bezeichnet. Den Begriff des Ursatzes als Hintergrund einer Musik verwendet Schenker allerdings erst seit 1926. Die folgende Abbildung zeigt mögliche, im verborgenen wirksame Hintergrund-Sätze für tonale Musik:

H. Schenker, Der freie Satz, Wien 1935,
Anfang (Figurentafeln), S. 2, Figuren 9−11.

Beispiele

Schon vor der Annahme eines Ursatzes sind Schenkers Analysen durch eine starke Reduktion des Notenbildes charakterisiert. Die folgende Analyse der Exposition des Kopfsatzes der Sonate Facile KV 545 von W. A. Mozart hat Schenker im 4. Heft der Zeitschrift Der Tonwille im Jahr 1923 publiziert:

H. Schenker, Der Tonwille, 1923, Heft 4, Beilage

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Quelle: YouTube

Mehr zur Analyse dieser Exposition kannst du erfahren in: Schenker reloaded – Eine Einführung in die graphische Analyse.

Die folgende Abbildung zeigt eine grafische Analyse von Walter Everett zu dem Song »I Want To Hold Your Hand« von The Beatles. Everett interpretiert hier als Hintergrund des Songs eine Kadenz (erkennbar an den Stufensymbolen I – III – IV – V –I):

Walter Everett, The Beatles As Musicians. The Quarry Men through Rubber Soul, Oxford und New York 2001, S. 199.

Probleme

Während die praktische Seite der Analyse nach Heinrich Schenker geschätzt wird, weil sich mit ihr Spannungsbögen und musikalische Wirkungen veranschaulichen lassen, die mit anderen Methoden nur schwer oder gar nicht fassbar sind, ist die Kritik meist auf einer anderen Ebene angesiedelt. Susanne Westenfelder hat dazu geschrieben:

In Schenkers Analyseansätzen klingt ein Gedankengut an, das – obgleich Schenker selbst jüdisch war – den Nationalsozialismus ideologisch berührt: Ein missverstandener Darwinismus (missverstanden, da laut dem bekannten Postulat „Survival of the fittest“ sich eben nicht die „fittesten“ Tierchen durchsetzen, sondern die am besten angepassten) durchzieht seine Ausführungen. In seinen Texten finden sich unüberschaubar viele Zeugnisse einer chauvinistischen und rassistischen Haltung. [...]
Eine Analysemethode, in der nur die stärksten Töne bestehen und weniger starke eliminiert werden, in der eine Hierarchisierung der Klänge den Kern der analytischen Arbeit ausmacht, in der der ›natürliche Zeugungswille‹, die ›Triebkraft‹ der Töne das Stück formt und in der restaurativ das Ergebnis der Betrachtung – der ›Ursatz‹ – bereits vor der Analyse des Werkes feststeht, gehört [...] weiterführend erörtert und thematisiert.

Susanne Westenfelder, »Der Ursatz im Nebensatz«, in: kontrovers (21. April 2022),
abgerufen am 30. Januar 2025 (doi)

Darüber hinaus ist die Stärke der grafischen Analyse auch gleichzeitig ihr Problem. Denn als Theorie hat sie normativen Charakter und entspricht eine Komposition nicht der theoretischen Norm, hat man nur die Möglichkeit, die Theorie zu revidieren oder die Komposition zu verurteilen. Heinrich Schenker hat sich leider immer für seine Theorie entschieden und sich unangemessen über alles ausgelassen, was nicht seiner Theorie entsprochen hat.