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Musikalische Analyse und ihre Methoden

Inhalt

Satzmodelle

Geschichte

Als Satzmodelle werden »Satztypen und -formeln des 15. und 16. Jahrhunderts« bezeichnet, auf die der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus 1968 in seiner Habilitationsschrift hingewiesen hat.

Die charakteristischen Schemata der tonalen Harmonik, die "vollständige Kadenz" [...], die "Quintschrittsequenz" [...] und der "Dur-Moll-Parallelismus" [...] sind in satztechnischen Formeln des 16. und des frühen 17. Jahrhunderts vorgebildet. Die äußere Übereinstimmung ist aber keine genügende Rechtfertigung einer tonalen Interpretation. Die Formeln sind zunächst nicht in einem Akkordsystem begründet, sondern umgekehrt: Das System ist aus einem Zusammenwachsen der Formeln hervorgegangen; das tonale Prinzip, das in der theoretischen Darstellung als Anfang erscheint, ist geschichtlich das zuletzt Erreichte.

Dahlhaus, Untersuchungen, S. 92.

Martin Eybl hat im Anhang seines Buchs Ideologie und Methode. Zum ideengeschichtlichen Kontext von Schenkers Musiktheorie (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft 32), Tutzing 1995 (Dissertationsschrift) eine umfassende und äußerst komprimierte Übersicht zu Satzmodellen publiziert. Auf S. 155 beispielsweise finden sich unter der Überschrift II.4 7–6-Ligaturenkette Beispiele zu Quintfallsequenzen, zum Parallelismus und zum synkopierten Fauxbourdonsatz. Die Beispiele II.7 bis II.11 zeigen verschiedene Satzmodelle wie z.B. den Oberstimmensatz der Quintanstiegssequenz und Vorhaltsbildungen, die sich als Formen der Quintfallsequenz interpretieren lassen.

Aus: Martin Eybl, Ideologie und Methode. Zum ideengeschichtlichen Kontext von Schenkers Musiktheorie (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft 32), Tutzing 1995, S. 155–156 (Anhang).

Auch wenn die theoretische Reflexion von Satzmodellen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingesetzt hat, waren Satzmodelle schon im 18. und 19. Jahrhundert Teil einer praktischen Musikausbildung. Am deutlichsten erkennbar wird das im Partimentospiel. Im Folgenden ist eine handschriftliche Vorlage zu sehen, die als Partiturfundament 1833 gedruckt worden ist (auch unter dem Namen Adlgasser-Haydn bekannt) und deren Inhalte im Salzburger Raum zu Zeit Mozarts die Musikausbildung wesentlich geprägt haben:

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Hier findest du ein praktisches Tutorial Generalbass, Partimenti und Satzmodelle üben mit Michael Haydn zu diesem Thema. Eine erste didaktische Ausarbeitung zur Verwendung von Satzmodelle für das musikalische Hören findet sich in der 1998 erschienenen Gehörbildung von Ulrich Kaiser, in der die klassischen Satzmodelle als Modelle für das mehrstimmige Hören eingesetzt werden. Ein Vorzug von Satzmodellen dürfte darin liegen, dass sie geeignet sind, sowohl melodische als auch harmonische Aspekte tonaler Musik sinnlich erfahrbar zu machen.

Beispiele

Aus der Vogelperspektive lassen sich Sequenzen im Allgemeinen unterscheiden in

  • Sequenzen, die stufenweise auf- oder abwärts führen und
  • Sequenzen, die terzweise auf- oder abwärts führen.

Stufenweise voranschreitende Sequenzen lassen sich in der Regel als eine Form der Quintfallsequenz verstehen, z.B. als

  • stufenweise abwärts führender Quintfall:
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  • oder als stufenweise aufwärts führender Quintfall:

Und Sequenzen, die terzweise voranschreiten, lassen sich in der Regel als Ausprägung eines Parallelismus (Pachelbel-Modell) verstehen:

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Auch in der Analyse von Popularmusik lassen sich Satzmodelle gewinnbringend einsetzen. Der Verse von »I Want To Hold Your Hand« von The Beatles beispielsweise lässt sich über das Satzmodell Parallelismus verstehen:

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Probleme

Zur Analyse mithilfe von Satzmodellen hat Ulrich Kaiser geschrieben:

Ihr Hauptproblem liegt darin, dass sie einen musikalischen Verlauf zerteilt, und zwar in Satzmodelle und Nicht-Satzmodelle. Einwände, die gegen Satzmodellanalysen immer wieder erhoben werden, erinnern zu Recht daran, dass ein Zerlegen von Musik keine musikalische Analyse sei, weil das synthetische Moment fehlen würde, also im Falle einer Satzmodell-Analyse das Bestimmen der Funktion von Satzmodellen für das Werkganze. Bezieht man den Begriff Satzmodell ausschließlich auf die Dimension, in der sich die Notenbeispiele in den Schriften von Carl Dahlhaus bewegen, ist dieser Vorwurf sicherlich naheliegend. Satzmodelle transportieren zwar mehr Informationen zur Stimmführung als Funktions- oder Stufensymbole, zur Veranschaulichung der Formfunktion von Satzmodellen für das Werkganze benötigt man jedoch weitere, übergeordnete Modelle.

Ulrich Kaiser, »Vom Satzmodell zum Modell«, in: ZGMTH 13/Sonderausgabe [Special Issue] (2016), S. 135–153.