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Musikalische Analyse und ihre Methoden

Inhalt

Funktionstheorie

Während die Stufentheorie den Begriff der Akkord-Identität einführte – also einen Sextakkord nicht mehr als eigenständiges Intervallphänomen (wie im Generalbass), sondern als Umkehrung einer Stufe begriff –, radikalisiert die Funktionstheorie diesen Abstraktionsprozess. Sie fasst unterschiedliche Stufen unter einem gemeinsamen Wirkungsbegriff zusammen und stellt dafür Hauptfunktionen (Tonika, Subdominante und Dominante) zur Verfügung. Die Funktionstheorie fragt nicht mehr nur: »Wo steht der Akkord?«, sondern auch: »Welche Bedeutung hat er im Gefüge von Spannung und Entspannung?« Das Theoriedefizit der Funktionstheorie liegt darin, dass auch sie – zumindest in der heute verbreiteten Anwendung – nicht erklären kann, warum eine Dominante an einer Stelle erscheint, an einer anderen dagegen nicht.

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Geschichte

Begründer der Funktionstheorie war Hugo Riemann (1849−1919). Die Symbole, die er sich zur Chiffrierung ausgedacht hatte, sahen allerdings zu seiner Zeit noch ganz anders aus als die heute gebräuchlichen Funktionssymbole. Das lag insbesondere daran, dass Riemann ein Dualist war, das heißt: Riemann ging davon aus, dass die harmonische Logik in Dur durch die Obertonreihe, in Moll durch eine Untertonreihe bestimmt sei. Die Basis des C-Dur-Dreiklangs ist demnach C (der C-Dur-Dreiklang kommt in der Obertonreihe als 4., 5. und 6. Oberton vor), die Basis des c-Moll-Dreiklangs jedoch g (gedacht über eine spiegelbildlich zur Obertonreihe konstruierte Untertonreihe):

Die folgende Abbildung zeigt eine Buchstabenchiffrierung, wie sie Riemann 1898 am Ende seiner Geschichte der Musiktheorie abgebildet und zu Chiffrierungen anderer Musiktheoretiker in Beziehung gesetzt hat:

Riemanns Absicht war es, mit den Funktionszeichen die harmonische Analyse zu vereinfachen. Einerseits wollte er dasselbe Zeichen für die verschiedenen Akkordumkehrungen verwenden können. An der Chiffrierung der Umkehrungen eines Dominantseptakkords im Generalbass störten ihn die verschiedenen Bezifferungen für ein und dieselbe Funktion (im Beispiel ein dominantisches G-Dur, das sich nach C-Dur auflöst):

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Andererseits wollte Riemann durch Verallgemeinerung die »Loslösung der Bezeichnung von der einzelnen Tonart« erreichen. Doch wie schon bei der Buchstabenchiffrierung (oben) spiegeln auch Riemanns Funktionszeichen sein dualistisches Denken. Riemann verwendete dafür das heute nicht mehr gebräuchliche o-Zeichen vor Funktionssymbolen für Moll-Akkorde:

Viele Autoren wie Max Reger und Hermann Grabner haben sich im Anschluss an Riemanns Publikationen um eine weitere Vereinfachung der Funktionstheorie bemüht. In Deutschland durchgesetzt hat sie sich über die dritte Auflage der Harmonielehre von Wilhelm Maler (Beitrag zur durmolltonalen Harmonielehre, unter Mitarbeit von Günter Bialas und Johannes Driessler, 1950). Maler hat die Funktionstheorie weitgehend vom Dualismus bereinigt. Der folgenden Abbildung lässt sich auch entnehmen, warum der Funktionstheorie Riemanns während der Nazizeit und teilweise auch in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg gegenüber den Schriften von Ernst Kurth, Heinrich Schenker und Arnold Schönberg in Deutschland eine ungebrochene Tradition haben konnte:

Seit den 1970er Jahren wurde die Funktionstheorie dann von Diether de la Motte (1928−2010), der bei Wilhelm Mahler in Detmold Komposition studiert hatte, in seinen wirkungsmächtigen Taschenbüchern weiterentwickelt. Und ein Schüler von Diether de la Motte war Clemens Kühn (* 1945), der in seinen prominenten Publikationen ebenfalls die Funktionstheorie favorisiert hat. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über heute gebräuchliche Symbole der Funktionstheorie.

Tabelle der Symbole

Funktionstheorie und Popmusik

Auch in der Analyse von Popmusik ist in Deutschland gelegentlich die Funktionstheorie verwendet worden. Das folgende Beispiel zeigt eine harmonische Analyse der Basslinie des Songs A Whiter Shade Of Pale (1967) der Band Procol Harum von Manfred Schuler (1931−2001):

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Manfred Schuler, »Rockmusik und Kunstmusik der Vergangenheit. Ein analytischer Versuch«, in: Archiv für Musikwissenschaft 35 (1978), S. 135‐150. Quelle der Sounddatei: YouTube

Und in dem Aufsatz »Musikalische Analyse und Sound« verwendet Heinz Bamberg die Funktionstheorie zur harmonischen Chiffrierung im Rahmen eines Songvergleichs:

Heinz Bamberg, »Musikalische Analyse und Sound«,
in: Beiträge zur Popularmusikforschung 07/08 (1989), S. 84‐92, URN: urn:nbn:de:hebis:26‐opus‐53300«.

Die Aufsätze von Schuler und Bamberg stammen aus den 1970er und 1980er Jahren, also aus einer Zeit, in der die Verwendung der Funktionstheorie auch in der deutschsprachigen Musikwissenschaft verbreitet war. In aktuellen Publikationen ist das Verwenden von Funktionssymbolen zur harmonischen Analyse dagegen nicht mehr üblich.

Probleme

Auf das Theoriedefizit der Funktionstheorie wurde bereits hingewiesen. Durch den Fokus auf die Klangwirkung (z.B. Subdominante) gehen Informationen über die Klanglage verloren. Ein Sextakkord im Generalbass hatte durch die Ziffer 6 eine Bedeutung für den Aufbau eines Klangs, in der Funktionsbezeichnung geht diese Informationen verloren, sie müssen durch Zahlen unter den Funktionszeichen wieder zurückgeholt werden. Ein bekanntes Problem der Funktionstheorie besteht darüber hinaus darin, dass sich der verminderte Akkord in Moll zwar als verkürzter Dominantseptakkord, jedoch nicht angemessen als ii. Stufe chiffrieren lässt. Das gleiche gilt für den halbverminderten Septakkord sowie die Chiffrierung von Sequenzen. Hierzu kannst du mehr in dem Tutorial Sequenzen und die Funktionstheorie erfahren.