zurück zur Übersicht | Öffentliches Seminar

Musikalische Analyse und ihre Methoden

Inhalt

Kontrapunkt und Harmonielehre

Standpuncte der Beobachtung (Perspektiven)

Der Mediziner, Physiker und Naturphilosoph Gustav Theodor Fechner (*1801–†1887) schrieb über Standpuncte der Beobachtung:

Z. B. wenn Jemand innerhalb eines Kreises steht, so liegt dessen convexe Seite für ihn ganz verborgen unter der concaven Decke; wenn er ausserhalb steht, umgekehrt die conkave Seite unter der convexen Decke. Beide Seiten gehören ebenso untrennbar zusammen, als die geistige und leibliche Seite des Menschen und diese lassen sich vergleichsweise auch als innere und äussere Seite fassen: es ist aber auch ebenso unmöglich, von einem Standpuncte in der Ebene des Kreises beide Seiten des Kreises zugleich zu erblicken, als von einem Standpuncte im Gebiete der menschlichen Existenz diese beiden Seiten des Menschen. Erst wie wir den Standpunct wechseln, wechselt sich die Seite des Kreises, die wir erblicken, und die sich hinter der erblickten versteckt. Aber der Kreis ist nur ein Bild, und es gilt die Frage nach der Sache.

Gutsav Theodor Fechner, Elemente der Psychophysik, 2 Bände, Leipzig 1860, Bd. 2, S. 2 f.

Diese Beispiel für Standpuncte (Perspektiven der Beobachtung) veranschaulicht, dass Beobachtungen sehr verschieden (und scheinbar unvereinbar: konvex/konkav) sein können und trotzdem nur verschiedene Aspekte ein und desselben Gegenstandes darstellen. Im folgenden wird die Kadenz aus verschiedenen Perspektiven beobachtet.

Perspektive I: Kontrapunkt

In seiner neueren Bedeutung wird der Begriff Kontrapunkt als Stilbegriff zur Bezeichnung kontrapunktischer Stile wie z. B. Fuge, Motette usw. verwendet. In dieser Bedeutung wird er synonym zum Begriff Polyphonie gebraucht. Das folgende Vorurteil ist weit verbreitet:

Polyphonie bedeutet in der Musik die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stimmen eines Stückes.

Wikipedia, Lemma Polyphonie (05.08.2026)

Nach diesem Vorurteil nimmt die Perspektive Kontrapunkt nur den linearen Verlauf der Stimmen in den Blick:

Tatsächlich ist im Kontrapunkt die Beziehung der Stimmen untereinander viel stärker reguliert als z.B. in der Harmonielehre. Schau dir hierzu am Beispiel ein kurzes Video zur Dynamik der Stimmen einer zweistimmigen Kadenz an:

Klauseln
Kadenz
Dissonanz (Metapher)
Agens & Patiens (Noten)
Zusammenklänge
Bedeutung
--:-- / --:--

Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Im folgenden siehst du im oberen System drei zweistimmige Kadenzen, in der Unterstimme dazu verschiedene Basswendungen:

--:-- / --:--

Abschließend siehst du die Namen der Klauseln einer kontrapunktisch gedachten Kadenz:

Perspektive II: Harmonielehre

Die Harmonielehre beschäftigt sich mit Akkorden und ihren Verbindungen. Der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus hat eine Unterscheidung zwischen Akkord und Dreiklang vorgeschlagen:

›Akkord‹ wurde ursprünglich der bloße Zusammenklang verschiedener Töne bezeichnet. In der Theorie der tonalen Harmonik aber werden erstens nur drei- oder mehrtönige Zusammenklänge als Akkorde bezeichnet, zweitens die zweitönigen Zusammenklänge als Fragmente von drei- oder viertönigen interpretiert, drittens die Akkorde nicht als Resultate, als Zusammensetzungen von Tönen und Intervallen, sondern als unmittelbar gegebene Einheiten aufgefaßt und viertens die Abstände zwischen den Grund- oder Bezugstönen der Akkorde als Kriterium der Klangverbindungen betrachtet.

Carl Dahlhaus, Untersuchungen über die Entstehung der harmonischen Tonalität, Kassel 1968, S. 57.

Carl Dahlhaus spricht von einem Akkord, wenn wir einen Grundton hören. Akkord und Grundton sind demnach zwei Perspektiven auf einen Gegenstand, was nichts weniger heißt, als dass es keinen Akkord ohne Grundton und keinen Grundton ohne Akkord geben kann.

So einfach diese Definition wirkt, so weitreichend sind die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Denn die Existenz von Akkorden knüpft Dahlhaus an die individuelle Wahrnehmung:

  • Nehme ich in Musik Grundtöne wahr, höre ich Akkorde.
  • Nehme ich in Musik keine Grundtöne war, höre ich Klänge.

Das heißt, verschiedene Menschen können ein und dasselbe musikalische Ereignis verschieden wahrnehmen bzw. als Akkord oder als Klang auffassen (je nachdem, ob ein Grundton gehört wird oder nicht). Für eine wissenschaftlich exakte Verständigung macht es deshalb einen Unterschied, ob man von einem Akkord oder von einem Klang spricht, da die jeweilige Benennung Aufschluss über die individuelle Hörweise des Analysierenden gibt.

Folgende Grundton-Deutungen (Akkorde) sind für die Kadenz üblich:

--:-- / --:--

Perspektive III: Metrik

Ein Halbschluss unterscheidet sich von einem Ganzschluss durch die metrische Position der Dominante:

Aus dem typischen Halbschluss oben lässt sich ableiten:

  1. In einem Ganzschluss ist die Dominante metrisch leicht und der Schlussakkord metrisch schwer.
  2. In einem Halbschluss ist die Dominante metrisch schwer (und ggf. die Tonika metrisch leicht).
--:-- / --:--