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Musikalische Analyse und ihre Methoden


Generalbass und Oktavregel

Inhalt

Generalbass

Um zu verstehen, warum wir heute überhaupt mit Ziffern und Buchstaben hantieren, müssen wir die Entstehung des Generalbasses (Basso continuo) betrachten. Er ist der Ursprung fast aller modernen Methoden zur Beschreibung harmonischer Verläufe.

Doch es gibt ein Problem: Generalbasszeichen waren früher eine Hilfe, um Musikern und Musikerinnen anzuzeigen, was für sie nicht selbstverständlich war. Generalbassziffern in diesem Sinne zeigen eine von verschiedenen Möglichkeiten an. Heute dagegen bilden Generalbass-Bezifferungen ein relatives Intervall-System, in dem ein Basston als Bezugspunkt genommen wird und die Ziffern darunter angeben, welche Töne (Intervalle) darüber zu greifen sind. Das Problem liegt in der Isolation der Ziffern von musikalischen Kontexten.

Geschichte

Im frühen 17. Jahrhundert mussten Musizierende an der Orgel, am Cembalo oder der Laute lernen, Solisten zu begleiten. Anstelle einer vollständigen Partitur reichte ihnen die Bassstimme sowie eine Bezifferung als Spielanweisung (wie heute die Changes im Bereich Jazz und Pop).

Vom praktischen Hilfsmittel entwickelte sich der Generalbass schnell zum Rückgrat der musikalischen Ausbildung. In den sogenannten Praecepta (Lehrregeln) des 17. und 18. Jahrhunderts wurden die gängigen Ziffern erläutert und mit Übungen am Instrument verknüpft.

Erst mit dem Ende des Barockzeitalters änderte sich die Rolle der Bezifferung grundlegend, indem sie sich vom Handwerk zur Chiffre wandelte. Um 1800 begannen Komponisten, Begleitstimmen präzise auszunotieren, so dass der improvisierende Generalbassspieler im Konzertsaal überflüssig wurde.

Tabellen der Symbole

Johann Mattheson, Kleine General-Baß-Schule, Hamburg 1735, S. 136, Lizenz: CC0-1.0

David Kellner, Treulicher Unterricht im General-Baß, Signaturen-Tabelle, S. 28, Lizenz: CC0-1.0

Probleme

Die Hauptprobleme der Generalbass-Chiffren liegen in Gründen, die bereits erwähnt worden sind:

  1. Da früher nur beziffert wurde, was nicht selbstverständlich war, müssen wir heute lernen, was damals selbstverständlich war. Das betrifft sowohl Kurzschreibweisen wie zum Beispiel 2 für den Sekundakkord (2-4-6) und 6-5♭ für eine Durchgangsseptime in einem dominantischen Sextakkord (z.B. über dem Basston e: 6-3-6 zu 6-3-5♭).

  2. Auch die Bedeutung einiger heute unmittelbar verständlichen Zeichen hat sich geändert. Zum Beispiel zeigt das ♭ für uns heute eine Erniedrigung an, früher war es das Zeichen für den Toncharakter fa (ein fa-Ton hat unter sich einen Halbton und über sich einen Ganzton). Ein ♭ in Verbindung mit dem Basston a zeigt daher nur an, dass ein a-Moll-Akkord gegriffen werden soll, ein ♯ (mi-Charakter) in Verbindung mit einem Basston c signalisiert einen C-Dur-Akkord (und nicht etwa teuflische Dinge wie a-ces-e oder c-eis-g). Oder, um das vorangegangene Beispiel noch einmal aufzugreifen: 6-5♭ über dem Ton h würde eine Durchgangsseptime in einem G-Dur-Dominantseptakkord anzeigen (und nicht etwa die Stimmenbewegung g-fes).

Oktavregel

Oktavregel

Während die Generalbassziffern in der Analyse heute als Chiffrierungsmethode verwendet werden, verbirgt sich hinter der Oktavregel eine echte Theorie. Denn in der Blütezeit des Generalbasses (ca. 1700) erkannte man, dass die Wahl der Harmonien über einer Basslinie nicht willkürlich war. Die sogenannte Regola dell’ottava (Oktavregel) legte fest, dass jeder Stufe einer Tonleiter im Bass – je nachdem, ob sie steigt oder fällt – eine ganz bestimmte Harmonie (und damit eine spezifische Bezifferung) zukommen sollte. Und kompositionsgeschichtlich lassen sich mithilfe der Oktavregel sogar die Verläufe ganzer Stücke erklären. Ein beliebtes Beispiel dafür ist das Präludium in C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach. Höre dir dazu das folgende Beispiel an (ein Tutorial dazu findest du hier):

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Johann Sebastian Bach, Das Cembalowerk 3. Folge, Das Wohltemperierte Clavier erster und zweiter Teil, Helmut Walcha, EMI Electrola C147-291302/34, Erscheinungsdatum: 1961, Format: Vinyl, LP, Stereo, Land: Germany, Lizenz: CC0 (mit gesampelter Tonleiterstimme)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass entsprechende Kompositionen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch als Exempla gedient haben, um die Bedeutung der Oktavregel für die formbildende Funktion von Harmonik im praktischen Kompositionsunterricht zu demonstrieren. Johann Sebastian Bach zum Beispiel hat frühe Fassungen des Präludiums aus BWV 846 für die musikalische Ausbildung seiner Kinder verwendet (im Clavier-Büchlein für Wilhelm Friedemann Bach sowie im Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach).

Im Folgenden siehst du die Oktavregel in Dur und Moll aus Scheibes Lehrwerk Ueber die Musikalische Composition (1773):

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Die Oktavregel ist eng mit dem Begriff Partimento verknüpft. Als Partimento wird eine bezifferte oder meist unbezifferte Bassstimme bezeichnet, die Verleger gegen Ende des 17. Jahrhunderts in gedruckten Kompositionen einfügten, um deren Aufführung zu erleichtern. Waren die Bässe unbeziffert, erleichterte das Greifen richtiger Harmonien die Regola dell‘Ottava bzw. Oktavregel, die über die Musikausbildung das Denken vieler, insbesondere italienischer Komponisten (auch über das 18. Jahrhundert hinaus) geprägt haben dürfte.

Tutorials zur Oktavregel findest du hier: