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Musikalische Analyse und ihre Methoden
Inhalt
Incision, Interpunktion und Form
Schon früh wurde eine Analogie von Musik uns Sprache gesehen. Gallus Dressler schrieb dazu in seinen Praecepta musicae poeticae (1563):
Quod autem in oratione est periodus et comma id in poetica musica sunt clausulae, quae tamquam partes integrum corpus constituunt [...] Duo autem spectanda sunt in positu clausularum quorum alterum ut verbis alterum ut concentui convenienter respondeant ac aeque cohaereant.
Übersetzung: Was in der Rede der Punkt und das Komma sind, das sind in der Musik [poetica musica] die Klauseln, die wie einzelne Teile den Gesamtkörper bilden [...] Bei der Anordnung der Klauseln müssen zwei Dinge beachtet werden: dass sie gleichermaßen sowohl mit den Worten als auch mit der Musik übereinstimmen und zusammenhängen.
Im frühen 17. Jh. schrieb Johann Lippius:
Item velut Oratio Commatis, Colis et Periodis debitis, ita Cantilena Harmonica pro natura Textus compta distinguitur Pausis minoribus et majoribus, atque Clausulis nativis Primaris, Secundariis, Tertiariis, ac peregrinis, imperfectioribus et perfectioribus […]
Übersetzung: So wie in einer Rede (Sprache), Kommas, Colons und Punkte sein müssen, so wird der harmonische Gesang von Natur aus wie ein Text kunstvoll ausgeschmückt durch kleinere und große Pausen und durch natürliche primäre, sekundäre tertiäre, imperfekte und perfekte Klauseln [...]
Johann Mattheson
Johann Mattheson (*1681–†1764) war ein deutscher Musiker und Musiktheoretiker. Als Musikschriftsteller hatte er einen großen Einfluss im 18. Jahrhundert. In seinem Hauptwerk Der vollkommene Capellmeister (Hamburg 1739) schrieb er über die Abschnitte und Einschnitte einer Klang-Rede:
§. 1.
Diese Lehre von den Incisionen, welche man auch diftinctiones, interpunctationes posituras u.s.w. nennet, ist die allernothwendigste in der gantzen melodischen Setz⸗Kunst, und heißt auf Griechisch *) Diastolica; wird aber doch so sehr hintangesetzet, daß kein Mensch bishero die geringste Regel, oder auch nur einigen Unterricht davon gegeben hätte; ja man findet nicht einmal ihren Nahmen in den neuesten musicalischen Wörterbüchern.Johann Mattheson, Der vollkommene Kapellmeister, Hamburg 1739, S. 180 f.
Ebenfalls im Vollkommenen Capellmeister gibt Mattheson dann ein sehr anschauliches Beispiel für seine Incisionslehre bzw. dafür, wie er Musik des 18. Jahrhunderts als Ton-Rede mit Begriffen der Sprache analysiert:
Da ist nun ein gantzer melodischer Zusammensatz (Paragraphus) von 16 Takten, aus welchen 48 werden, wenn man sie vollend zu Ende bringt [...]. Es befindet sich in diesem Paragrapho nicht nur ein Colon oder Glied; sondern auch ein Semicolon, oder halbes Glied: Die man bey ihren gewöhnlichen, unter die Noten gesetzten Zeichen erkennen kann. Man trifft ferner drey Commata an, daraus neun werden, und die mit dem bekannten Beistrichlein versehen sind [...]
Mattheson 1739, S. 224, Hervorhebung im Original
Heinrich Christoph Kochs Gliederungsmodell
Auch Heinrich Christoph Koch (*1749–†1816) war ein deutscher Musiker und Musiktheoretiker. Seine Leistung liegt unter anderem darin, die Gedanken seiner Vorgänger hinsichtlich der Formanalyse weiter systematisiert und publiziert zu haben.
Kochs Kadenzen (Ruhepunkte des Geistes)
Im ersten größeren Formteil einer Komposition (also z.B. in einem Menuett bis zum Doppelstrich, einer Sonate oder Sinfonie bis zum Ende der Exposition, im A-Teil einer Arie usw.) sollten nach Koch drei Absätze und eine Kadenz stattfinden. Für einen pragmatischen Analyseansatz werden unter Absätzen auch Kadenzen verstanden, so dass die nachstehende Kadenzreihenfolge den ersten größeren Formteil einer umfangreicheren Komposition charakterisiert:
- Ganzschluss in der Haupttonart (= K1)
- Halbschluss in der Haupttonart (= K2)
- Halbschluss in der Nebentonart (= K3)
- Ganzschluss in der Nebentonart (= K4)
Das heißt, in einer Sonatenexposition z.B. in C-Dur werden nach diesem Modell erwartet:
- ein Ganzschluss in C-Dur,
- ein Halbschluss in C-Dur (d.h. ein G-Dur-Akkord mit dominantischer Wirkung),
- ein Halbschluss in G-Dur (d.h. ein D-Dur-Akkord mit dominantischer Wirkung) und abschließend
- ein Ganzschluss in G-Dur.
Das folgende Beispiel zeigt für diese Gliederung die Kadenzen ohne Signalakkord für eine Komposition in C-Dur:
