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Musikalische Analyse und ihre Methoden
Inhalt
Stufentheorie
Während der Generalbass den Blick auf die vertikale Schichtung über einem Basston lenkt, vollzieht die Stufentheorie einen radikalen Perspektivwechsel. Sie fragt nicht mehr: »Was klingt über diesem Ton?«, sondern: »Welchen Rang nimmt dieser Akkord innerhalb der Tonleiter ein?« Mit diesem Perspektivwechsel wird die Chiffrierung abstrakter, da die Ebene der Intervalle verlassen und die Ebene der Stufe eingeführt wird. In der Theorie von Heinrich Schenker wird die Stufe dann tatsächlich Bestandteil einer Theorie.
Geschichte
Stufenzeichen finden sich bereits im 18. Jahrhundert bei Johann Philipp Kirnberger (1721−1783) und Georg Joseph Vogler (1749−1814). Weiterentwickelt und systematisch verwendet wurden die Stufenzeichen dann von Gottfried Weber (1779−1839), der als Begründer der Stufentheorie gilt. Weber schlug im zweiten Band seines Versuch[s] einer geordneten Theorie der Tonsetzkunst zum Selbstunterricht vor:
Unsere Bezeichnung des Sitzes der Harmonien. § 151.
Noch allgemeiner, als im § 149 durch teutsche Buchstaben geschehen, nämlich nicht auf eine bestimmte Tonart beschränkt, sondern auf eine jede passend, kann man die Gesamtheit ihrer Harmonieen [!] vorstellen, wenn man, statt der teutschen Buchstaben, die römische Zahl der Leiterstufe setzt, und zwar, statt der grosse, oder kleinen Buchstaben, grosse, oder kleine römische Ziffern, und diese, gerade wie sonst die teutschen Buchstaben, mitbezeichnet.
- Als Ziffer rechts neben dem Stufensymbol war anfangs nur die 7 gebräuchlich. Anstelle der durchgestrichenen 7 kann dann das in der Popularmusik für große Septimen gebräuchliche Symbol 7+ verwendet werden.
- Ernst Friedrich Richter verwendete zusätzlich zu den Stufenzeichen Generalbassziffern für Akkordumkehrungen, die dann rechts neben den Stufenziffern notiert werden. In diesem Fall ist es auch möglich, die 7 wie im Generalbass als diatonische Septime zu verwenden und nur Abweichungen mit Vorzeichen zu kennzeichnen.
- Chromatische Veränderungen der Tonstufe können durch ein ♯ oder ♭ vor der Ziffer angezeigt werden.
Stufensymbole und Jazz-/Rock- und Popmusik
Das Verwenden von Stufenzeichen zur Chiffrierung harmonischer Verläufe ist in Analysen zur Popularmusik weit verbreitet. In seinem Aufsatz »Form in Rock Music. A Primer« (2005) verwendet John Covach z.B. im Rahmen von Formanalysen eine sehr ökonomische Art der Chiffrierung harmonischer Verläufe, indem er arabische Zahlen (für die Anzahl von Takten) mit Kleinbuchstaben kombiniert, die für bestimmte Harmoniepatterns stehen.

John Covach, »Form in Rock Music. A Primer«,
in: Engaging Music. Essays in Music Analysis, New York 2005, S. 65–76. Quelle der Sounddatei: YouTube.
Probleme
Als Methode leistet die Stufentheorie eine funktionale Katalogisierung: Sie hierarchisiert Klänge auf der Grundlage einer Tonleiter. Doch auch ihr Theoriedefizit ist offensichtlich, da die bloße Bezeichnung eines Akkords als II. Stufe nicht erklärt, warum diese Stufe dort erscheint.
Im Bereich der Popularmusik kann sich darüber hinaus ein weiteres Problem ergeben. Denn in Popmusik lässt sich oftmals nicht ohne Willkür festlegen, was als I. Stufe zu gelten hat. Das gängige Pattern Am - F - C - G kann man sowohl angemessen als
- i - VI - III - VII als auch als
- vi - IV - I - V
chiffrieren. Die Interpretation hängt dabei von Dingen ab, die sich nicht über die Stufentheorie beschreiben lässt (z.B. die Stimmführung und ob das Pattern einmal oder mehrmals hintereinander zu hören ist).
Auch andere Probleme wie z.B. die Chiffrierung vom Quartsextvorhalt der Dominante und Zwischendominanten haben dazu geführt, dass Stufensymbole mit einigen Zeichen der Funktionstheorie vermischt verwendet werden.
- Anwendungsbeispiel zur Stufentheorie anhand des Themas der Klaviersonate Es-Dur KV 281 von W. A. Mozart
bezeichnet.