
Der erste Satz in C-Dur Allegro con spirito ist charakterisiert durch ein virtuoses Tempo. Beethoven, den man mit seinen späten Sonaten guten Gewissens als einen Zerstörer der Sonatenhauptsatzform bezeichnen kann, zeigt dagegen in seinen frühen Werken wie z.B. in den Violinsonaten Op. 12 noch eine sehr gemäßigte Form der Auseinandersetzung mit den Gattungstraditionen. Der Kopfsatz der Violinsonate Es-Dur op. 12, Nr. 3 lässt sich sehr gut mithilfe des Modells der Sonatenhauptsatzform verstehen.
Inhalt
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹,
Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Exposition
Zur Form
Beethovens formale Gestaltung lässt sich angemessen über das Modell der Sonatenhauptstzform verstehen. Doch schon bei dieser frühen Sonate lässt sich die Tendenz beobachten, der Reprise einen weiteren Abschnitt folgend zu lassen. Diese Coda ist im Kopfsatz der Sonate Op. 12, Nr. 3 noch verhältnismäßig kurz, in späteren Werken Beethovens arbeitet der Komponist diesen Formteil so umfangreich aus, dass er wie ein Gegengewicht zur Durchführung wirkt und die Erweiterung des Analysemodells der Sonatenhauptsatzform von der Dreiteiligkeit zur Vierteiligkeit erfordert.
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Exposition
Das Hauptsatz ist lässt sich angemessen über das Modell des äußerlich erweiterten Satzes verstehen. Er besteht aus:
- Einem ersten Viertakter (T → D | D → T), der einem Modell folgt, über das sich die meisten Satzeröffnungen im 18. Jahrhundert verstehen lassen,
- Einem Zweitakter, in dem rechte Klavierhand und Violine sich mit einem Motiv im Sinne von Frage und Antwort abwechseln,
- einer Kadenz, die Aufgrund der Ausarbeitung und Lage unvollkommen wirkt,
- eine Wiederkehr der motivischen Arbeit, wobei Beethoven hier die Violine fragen und das Klavier antworten lässt und
- eine Kadenz, deren Abschluss auf den 13. Takt fällt (Phrasenverschränkung) und die Aufgrund ihrer vollkommen Wirkung den ersten Abschnitt beschließt.
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Die Überleitung beginnt mit einem Tonika-Dominantpendel. Eine neue Farbe bringt ein virtuoser Abschnitt der Überleitung, in dem durch ein zwischendominantisches G-Dur eine Sequnzharmonik (VI → ii → V → i) in B-Dur erklingt, die Joseph Riepel als Fonte-Sequenz bezeichnet hat:
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Im Anschluss daran wird über einen Signalakkord bzw. den übermäßigen Sextakkord der Halbschluss der Nebentonart B-Dur erreicht. Diese Sequenz in Verbindung mit opernhaft-dramtischen Elementen könnte Beethoven über Sonaten Mozarts kennengelernt haben, denn der jüngere Kollege hat entsprechende Überleitungen z.B. in der F-Dur-Klaviersonate KV 332, dem B-Dur-Kalviertrio KV 502 oder den Violinsonaten in Es-Dur KV 374f (380) und B-Dur KV 454. Vergleicht man Beethovens Gestaltung mit den Gestaltung seines Vorgängers, lässt sich die Besonderheit seiner Ausarbeitung schnell fassen.
Auch der Seitensatz ist in dieser Sonate leicht verständlich bzw. traditionell geformt. Sie besteht aus zwei Taktgruppen, die sich aufgrund ihrer melodischen Gestaltung und harmonischen Abschlüsse (F-Dur → B-Dur) als 16-taktige Periode verstehen lassen.
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Dass Beethoven seine Werke motivisch-thematisch ausarbeitet, lässt sich jedoch auch an diesem Seitensatz beobachten, denn in ihm wiederholt sich im kleinen bzw. in den jeweils zweiten Taktgruppen die Fonte-Sequenzharmonik der Überleitung:
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Die Schlussgruppe beginnt mit der Wiederaufnahme der Triolenbewegung nach dem Seitensatz, die schon in der Überleitung mit einer virtuosen Geste zusammenfiel. Auch sie reagiert auf die Sequenzharmonik der Überleitung, indem sie diese auf eine neue Art verarbeitet. Die Harmonik der Schlussgruppe lässt sich wie folgt skizzieren und führt in einer für Beethoven typischen Weise in die Subdominante der Nebentonart. Dass diese nur kurz erklingt und schnell nach Moll eingetrübt wird (es-Moll), könnte seine Ursache darin haben, dass Es-Dur als Subdominante in der Nebentonart mit der Ausgangstonart identisch gewesen wäre, was Beethoven an dieser formalen Position vermeiden wollte:
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Nach einer Quintfallsequenz, einem formbildenden Ganzschluss in der Nebentonart sowie einem Orgelpunkt in B-Dur beendet Beethoven die Exposition.
Durchführung
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Die zweite Phase hat einen ruhigen Charakter und führt über Quintfälle nach es, wobei Beethoven mit dem chromatischen Wechsel von Moll und Dur spielt. Über eine Chromatisierung der bekannten Stufen B-Dur → Es-Dur → G-Dur → c-Moll zu B-Dur → es-Moll → Ges-Dur → Ces-Dur erreicht er die chromatische Variante der Paralleltonart und das harmonische Ziel der Durchführung:
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Die dritte Phase ist recht kurz. Sie besteht aus einer intimen Gestaltung in der tiefalterierten VI. Stufe (›Versunkenheitsepisode‹) und führt zurück in die Reprise:
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Reprise
Reprise
Die Reprise beginnt mit der Wiederkehr des Hauptsatzes, wobei Beethoven die äußere Erweiterung bzw. die Wiederholung des Nachsatzes bereits modifiziert. Über einen Gang in die Subdominante As-Dur erreicht er nur wenig später den Halbschluss vor dem Seitensatz, der hier traditionell in der Ausgangstonart erklingt. Während die Reprise vor dem Seitensatz durch Verkürzungen charakterisiert ist, erweitert Beetoven die Form nach dem vollständig erklungenem Seitensatz. In der Schlussgruppe und Coda bringt Beethoven die bisher ausgesparten virtuose Geste der Überleitung und Motiven aus der Durchführung. Beethoven beendet den Kopfsatz effektvoll mit einer Reminiszenz an den Hauptsatz und mehreren Kadenzvollzügen.
Ludwig van Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Es-Dur, op. 12, Nr. 3, 1. Satz ›Allegro con spirito‹, Violine: Elene Meipariani, Klavier: Till Hoffmann, Lizenz: CC-BY-4.0
Noten