Counterstorytelling durch Sound

Schauen wir uns ein Beispiel für Musik-Geschichtsschreibung an

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Quelle: YouTube

Dieses Video repräsentiert die klassische Erzählung der Hip-Hop Geschichte. Wer wird als maßgeblich für die Entwicklung dieser Kultur genannt? Wer wird auf den Fotos gezeigt? In diesem Fall nur männliche Protagonisten. Auch im deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zum Hip-Hop finden sich zur Gründungsgeschichte namentlich erwähnt nur Männer.
Gab es also in der Frühphase des Hip-Hop keine Frauen die in der Szene aktiv waren?

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Quelle: YouTube

Dies gilt nicht nur für den Hip-Hop, sondern für nahezu alle Musik-Geschichtserzählungen. Schauen wir uns diese Grafiken an, die für sich in Anspruch nehmen, „die Musikgeschichte“ zu illustrieren.

Quelle: https://www.helbling.com/de/de/product/poster-sekundarstufe-die-musikgeschichte-s6748

Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 4.0 https://mundo.schule/details/SODIX-0001050826

Einerseits zeigen sie die Geschichte der europäische Kunstmusik verallgemeinernd als „die Musikgeschichte“, zum anderen werden ausschließlich Weiße Männer dargestellt. Unabhängig ob über europäische Kunstmusik oder populäre Musikformen gesprochen wird. Der Akt der Geschichtsschreibung ist ein Prozess der Auswahl und Vereinfachung, in dem entschieden wird, wessen Geschichte es „wert ist“ erzählt zu werden. Die Beiträge marginalisierter Gruppen werden hier fast immer ausgelassen und die Geschichte zur Erzählung „großer (weißer) Männer“. Wenn sich Schüler*innen also die Frage stellen, ob sie sich in dieser Musikgeschichte wiederfinden, ob es einen Bezug zu ihnen gibt, wird für viele die Antwort negativ ausfallen.

Counterstorytelling

„Musical counterstorytelling thus provides a means to identify oppressive systems and structures“ (Hess 2019: 497).

Der Begriff Counterstorytelling stammt aus der Critical Race Theory (CRT – eine Sammlung von Theorieansätzen, insbesondere aus der US-amerikanischen Rechtswissenschaft) und basiert auf der Idee den rassistischen Stereotypen der allgemeinen Geschichtsschreibung eigene Erzählungen um die Erfahrungen mit rassistischer Unterdrückung sichtbar zu machen. Es ist also ein Akt der Selbstermächtigung über die eigene Geschichte.

„Youth wishing to create these powerful narratives can focus on systems such as racism and other forms of subordination that shape their experiences as individuals, families and communities in society. In doing so, they can take a group stance, rather than positioning their experiences as isolated and detached from larger narratives“ (Hess 2019: 496).

Hier lohnt sich ein kleiner Exkurs zum Begriff der kulturellen Hegemonie und den sogenannten hegemonialen Narrativen. Antonio Gramsci versteht unter kultureller Hegemonie:

„Die Fähigkeit einer gesellschaftlichen Gruppe, ihre Weltanschauung, ihre Werte und ihre Interessen als allgemeingültig und natürlich darzustellen und so die Zustimmung und Unterordnung anderer Gruppen zu erlangen.“ (https://www.lexikon-der-politik.de/basiswissen/politische-ideologien/hegemonie/)

Dies wird unter anderem dadurch erreicht, dass immer wieder die gleichen Geschichten und Erzählungen diese Werte und Weltanschauung neu erzählen. Diese immer wieder im neuen Gewand daherkommenden Erzählungen sind sogenannte hegemoniale Narrative. Und eben weil diese Weltanschauung so selbstverständlich und vermeintlich natürlich erscheint, ist es so schwer sie überhaupt zu erkennen. Hier setzt das Counterstorytelling als Methode an, etablierte Erzählungen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten Infrage zu stellen.

Quellen:

Hess, J. (2019): Moving beyond resilience education: musical counterstorytelling, Music education research, 21(5), pp. 488–502.

Was ist eigentlich Hegemonie

MARXISMUS einfach erklärt! - Kulturelle Hegemonie

Möglicher Unterrichtsverlauf

Recherche:

Zuerst muss entschieden werden, welche Geschichtserzählung untersucht werden soll. Hierfür eignen sich grundsätzlich alle Genres und Epochen. Die zentrale Frage ist hierbei: „Wessen Geschichte wird nicht oder nur selten erzählt?“ Hilfreiche Quellen können Bücher (z.B. Nathan Holder: Where are all the black female composers?) oder Dokumentationen (z.B. Lisa Rovner: Sisters with Transistors.) sein.

Digging the crates:

Nachdem marginalisierte Akteur*innen identifiziert wurden, kann deren Musik gesampled werden. Zuerst hören sich die Schüler*innen durch das gefundene Material und identifizieren interessante Sounds oder Abschnitte in der Musik, welche sie später benutzen wollen. Hierzu können verschiedenste Apps genutzt werden. Zum Beispiel können auf dem iPad Sounds mittels Screenrecording aufgenommen und in einen Sampler geladen werden. Zusätzlich können Interviews, Dokumentationen, etc. als Quellen für Sprachsamples genutzt werden. Somit erstellen die Schüler*innen ihre ganz individuellen Sample-Packs.

Leaving new tracks: 

Jetzt können neue Tracks aus den Samples erzeugt werden. Hierzu können Digital Audio Workstations wie Garage Band oder Ableton Live genutzt werden. Einfacher und direkter nutzbar sind jedoch spezielle Sampler-Apps wie zum Beispiel Koala Sampler. Hier können die Samples direkt auf Pads geladen und abgespielt werden. Diese Apps bieten eine Vielzahl von Bearbeitungsmöglichkeiten um die Samples zu schneiden und den Sound zu verändern.

OMA-Kurs zu Koala Sampler

Video: How to Sample ANYTHING in Koala Sampler!

Aus den Samples entstehen so neue Tracks, welche sich kreativ mit dem zuvor recherchierten und gesammelten Material auseinandersetzen und neue, andere Storys erzählen.