Jazz Gitarre - Comping in der Bigband

In diesem Artikel wird gezeigt, wie komplexe Jazz-Akkorde mit einfachen und gut klingenden Voicings auf der Gitarre gespielt werden können.

Inhalt

Grundlagen

Bigband Charts sind häufig komplex, gerade für in dem Genre ungeübte Gitarrist*innen. Das führt schnell zu Frustration, weil sich die Tunes nicht oder nur schlecht mit dem Standard-Repertoire an Griffen abbilden lassen. Hier ein Beispiel, wie ein Gitarrenchart in der Bigband aussehen könnte:

Oft greifen Gitarrist*innen auf die großen Barré Akkorde zurück, die sie vielleicht schon aus anderen Kontexten kennen. Neben den technischen Schwierigkeiten, die das Halten aller Saiten mit nur dem Zeigefinger liefert, klingen diese Griffe im Jazz und gerade im Bigband Kontext nicht besonders gut.

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Lizenz: CC0 (Michael Kussinger)

Das liegt daran, dass sie durch den großen Ambitus (um die 2 Oktaven) ein großes Frequenzspektrum abdecken und somit wenig Platz für andere Instrumente lassen. Außerdem werden einige Töne einfach verdoppelt. Das bringt keine weitere harmonische Information, belegt aber zusätzlichen Platz im Frequenzspektrum. Diese großen Griffe werden dann verschoben, was zu Parallelbewegungen führt, die unschön klingen. Für gelungenes Voiceleading (also Stimmführung) braucht es andere Griffe. Eine Möglichkeit ist, sich die benötigten Voicings über Grifftabellen online oder in Büchern zu erschließen. Nachdem es für jeden Akkord nicht nur ein mögliches Voicing, sondern viele verschiedene gibt, die wiederum nur in bestimmten Kontexten gut klingen, setzt schnell wieder Überforderung ein. Sich die Griffe dann zu merken und bestenfalls auf andere Stücke zu übertragen ist ohne exzellente Griffbrettkenntnis ebenso schwer, wie daraus musiktheoretische Zusammenhänge zu erschließen.

Simple Voicings

Eine mögliche Lösung sind sogenannte Simple Voicings. Sie bestehen aus dem Grundton, der Terz und der Sexte oder Septime. Der Grundton im Bass stellt den Bezugston für die beiden Funktionstöne dar. Die Terz legt fest, um welche Akkordart es sich handelt, also einen Durakkord, oder einen Moll- bzw. (halb)-verminderten Akkord. Die Septime oder Sexte legt den Akkordtyp final fest. Die Quinte fehlt bei Simple Voicings, sie ist auch der Ton mit der geringsten harmonischen Aussagekraft, weil Dur und Moll-Akkorde grundsätzlich die gleiche Quinte besitzen. Lediglich bei halbverminderten und verminderten Akkorden ist sie erniedrigt. Dadurch sind zwar die Voicings für Moll 7 und halbvermindert dieselben und auch ein Moll 6 Akkord und ein voll verminderter Akkord lassen sich bei Simple Voicings nicht unterscheiden. Ebenso fehlen sogenannte Optionstöne, bzw. Tensions, also Töne, die dem Akkord mehr Spannung und harmonische Komplexität verleihen. Dafür gewinnen so gespielte Akkordfolgen an Transparenz und Voice-Leading. Im Bigband-Kontext reichen diese Voicings oft vollkommen aus, weil die Optionstöne in anderen Stimmen wie den Bläsern oder dem Klavier sowieso schon gespielt werden und die Rolle der Gitarre eher in einer Ergänzung des Schlagzeugs besteht. Außerdem können später auf Grundlage der Simple Voicings durch Hinzunahme von Optionstönen komplexere Akkorde gebildet werden Hier die wichtigsten Simple Voicings, der Grundton liegt immer auf der tiefsten Saite.

Voicings von der E-Saite aus

Voicings von der A-Saite aus

Vom Chart zu Simple Voicings

Wie schafft man es aber jetzt mit diesen Simple Voicings einen Tune zu begleiten, dessen Akkorde deutlich komplexer wirken? Die Lösung liegt in der Vereinfachung. Dazu müssen wir einen kurzen Blick in die Grundlagen der Akkordbildung werfen. In unserer westlichen Harmonik entstehen Akkorde durch Schichtung von Terzen übereinander. Ein Dur-Dreiklang besteht zum Beispiel aus einem Grundton mit einer großen Terz darüber, über der wiederum eine kleine Terz sitzt. Setzt man die Terzschichtung um eine große Terz fort, erhält man einen Major 7 Akkord. An dieser Stelle nochmal ein Überblick über die wichtigsten Akkordtypen:

Akkordtyp Formel (Intervalle) Beispiel (C) Beispiel Akkordsymbol
Major 7 1 – 3 – 5 – 7 C–E–G–H CΔ7
Dominant 7 1 – 3 – 5 – ♭7 C–E–G–B♭ C7
Moll 7 1 – ♭3 – 5 – ♭7 C–E♭–G–B♭ C-7
Halbvermindert 1 – ♭3 – ♭5 – ♭7 C–E♭–G♭–B♭ Cø
Vermindert 1 – ♭3 – ♭5 – ♭♭7 C–E♭–G♭–A C°

Was bedeutet es aber wenn keine 7 sondern eine 9 oder eine 13 hinter dem Grundton steht, wie bei C9 oder C13. Diese Akkorde entstehen, wenn die Terzschichtung noch weiter fortgesetzt wird und über der 7 weitere Terzen geschichtet werden. Die Zahlen sagen aus, dass der Akkord die Zahl und alle darunterliegenden Terzen enthalten kann (nur die 11 wird typischerweise ausgespart). Bei einem C9 Akkord sind also neben der 9 die Töne 1,3,5 und b7 enthalten. Bei einem C13 wären es 1, 3, 5, b7, 9, (11) und 13. Der Vollständigkeit halber müsste ein C13 also eigentlich C7/9/13 heißen, vermutlich aus Gründen der Übersicht hat sich aber die Schreibweise C13 etabliert. Weichen Töne von der normalen Terzschichtung ab, soll zum Beispiel statt der 9 eine b9 oder eine #9 gespielt werden, ist die Schreibweise C7b9, selbes gilt für die 13. Auch Kombinationen wie C7b9b13 sind möglich. Für die Findung der richtigen Simple Voicings bedeutet das demzufolge, dass bei einem C13 Akkord die Töne 9 (das D) und 13 (das A) zwar gut klingen, aber nicht zwingend sind, denn die darunter liegende Struktur ist erstmal ein einfacher Dominantseptakkord. Statt einem C13 kann ich also auch problemlos einen C7 spielen und es wird gut klingen. Aber auch komplexere Akkorde wie der F7b9#11 aus dem Beispiel oben lassen sich entsprechend vereinfachen. Das Symbol meint eigentlich einen Dominantseptakkord über F, also F, A, C und Eb, mit einer erniedrigten 9 (Gb) und einer erhöhten 11 (H). Reduzieren wir das Symbol auf den zugrundeliegenden Septakkord, landen wir bei einem F7, den wir wiederum als Simple Voicing greifen können. Eine auf diese Weise reduzierte Version der oben dargestellten Akkordfolge sieht dann also so aus:

Diese vereinfachte Akkordfolge lässt sich nun wunderbar mit unseren Simple Voicings abbilden. Hier eine mögliche Variante:

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Lizenz: CC0 (Michael Kussinger)

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