Die Praxis der Theorie

Die Praxis der Theorie

Diese Lerneinheit ist Teil einer Reihe.

Die Begriffe Theorie und Praxis sind griechischen Ursprungs:

  • Der Begriff Theorie ist dem Griechischen entlehnt und vom Verb θεωρείν / theoreîn (= beobachten, betrachten, [an]schauen) bzw. dem Substantiv θεωρία / theoría (= Anschauung, Überlegung, Einsicht, wörtlich »Schau des Göttlichen«) abgeleitet. Als Theorie wurde ursprünglich die Betrachtung (göttlicher) Wahrheit durch reines Denken bezeichnet.
  • Der Begriff Praxis hat ebenfalls einen griechischen Ursprung (von πρᾶξις / prâxis oder πρᾶγμα / prâgma) und bedeutet soviel wie Tat, Handlung, Verrichtung (oder auch Durchführung, Vollendung, Förderung).

Dass wir heute nicht mehr die kontemplative Schau göttlicher Wahrheit meinen, wenn wir von Theorie sprechen, dürfte in wissenschaftlich-pädagogischen Kontexten unstrittig sein. Die etymologische Wortbedeutung hilft uns heute beim Verständnis der Begriffe daher wenig weiter.

Ausblick

Angesichts der Tatsache, dass in allen hier genannten Perspektiven das Begriffspaar Theorie und Praxis als wenig sinnvoll erscheint, ist es interessant darüber nachzudenken, welche Funktion es hat, wenn die Begriffe Theorie und Praxis gegeneinander ausgespielt werden.

  1. Über das Theorie-Praxis-Schema wird gerne der Theorie (Musiktheorie/Musikwissenschaft) ein Scheitern und der Musikausübung das Gelingen des Musikunterrichts zugerechnet. In dieser Funktion dient das Schema der Einflussnahme auf Curricula, es ermächtigt zur Durchsetzung oder Verhinderung von Reformen und entlastet von der Verpflichtung, ernsthaft über eine Verbesserung des Musikunterrichts nachzudenken.
  2. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass ein praktischer Musikunterricht mit lebhafter Musikausübung einhergeht, ein theoretischer Unterricht dagegen keine lebhaften Handlungen verträgt.

Verena Wied hat dagegen im Hinblick auf das Thema Percussion darauf hingewiesen, dass auch ein Musikunterricht denkbar wäre,

in dem nur eine Trommel in der Mitte steht, die Spieltechnik langatmig erklärt wird und dann der Schüler spielen darf, der eh schon Schlagzeug spielt.

Verena Wied, Percussion im Musikunterricht. Eine funktionale Analyse von Interviews, München 2017, S. 10

Hier wird ein weiterer Aspekt angesprochen, dass nämlich im Musikunterricht auch praktische Handlungen reflektiert sowie Themen, die üblicherweise über Reflexion erarbeitet werden, über praktische Handlungen erschlossen werden könnten. Denn letztendlich entsteht erst durch die Kopplung spezifischer Themen an bestimmte handlungs- oder reflexionsgeleitete Methoden jene Kluft zwischen Theorie und Praxis, die sich für individuelle Ziele und Vorlieben instrumentalisieren lässt.

Die mit dem Theorie-Praxis-Schema verbundene Problematik (eines vermeintlich gelingenden oder misslingenden Musikunterrichts) lässt sich auch auf eine andere Weise diskutieren:

Reflexion erfordert ein Unterbrechen bestehenden Handelns. Man kann sehr wohl Geige spielen, auf ein Dirigat schauen, sein Spiel minimal verlangsamen oder beschleunigen, mit einem Auge auf die Wanduhr schielen und daran denken, wann endlich Pause ist. Das alles ist gleichzeitig möglich oder in der Sprache der Psychologie: Es geschieht in paralleler Reizverarbeitung. Setzt jedoch Reflexion bzw. problemlösendes Denken ein, lassen sich all die genannten Dinge nicht mehr gleichzeitig ausführen. Wird einer Schülerin oder einem Schüler beispielsweise eine Frage gestellt, die zur Reflexion zwingt, ist Schluss mit Musik empfinden, Musik machen oder an die Pause denken. Dann werden andere Handlungsweisen erzwungen (Nachdenken und Antworten) und es findet – in der Sprache der Psychologie – ein Wechsel von paralleler zu serieller Reizverarbeitung statt. Erst im Anschluss an das Nachdenken und Antworten (wenn sich der Lehrer umgedreht hat) kann man wieder auf die Uhr schauen und sehnsüchtig die Pause herbeisehnen.

Ulrich Kaiser, Johann Sebastian Bach. Ein Superstar gestern und heute (= OpenBook 2), Kommentarheft, Karlsfeld 2011, S. 9.

Eine Reflexion, die z.B. auf eine analytische Wahrnehmung zielt, erzwingt das Unterbrechen von Handlungen wie Musikhören, Musikempfinden oder Musikmachen. Der Wechsel von einer in der Regel positiv besetzten Handlung zu einer ungewohnten Reflexion ist dabei für jeden Menschen – nicht nur für Schülerinnen und Schüler und nicht nur in der Schule – schwer und muss geübt werden, damit er gelingt. Will man also nicht einen unreflektierten Praktizismus zum Ideal des Unterrichtens erheben, wäre es notwendig, den Moduswechsel zur Reflexion selbst zu thematisieren und zu üben. Denn es ist zu vermuten, dass der unbewusste bzw. ungeübte Moduswechsel von der Handlung zur Reflexion einen großen Anteil an Abwehrhaltungen hat und zwar unabhängig davon, ob sich Reflexion im umgangssprachlichen Sinn auf die Praxis (z.B. Musizieren), die Theorie (z.B. Musiktheorie) oder etwas anderes bezieht (zum Beispiel auf gruppendynamische Prozesse oder die Unterhaltung mit der Nachbarin).


License: CC BY-SA 4.0 (any later version)
Source: openmusic.academy, Article “Die Praxis der Theorie”, https://openmusic.academy/docs/nMtywpmi1PuGpyUtwXDA3x/die-praxis-der-theorie, 09/28/2022, 3:10 PM
Contributions by: Ulrich Kaiser, Ilka Mestemacher, mani-prod

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