Übermäßige Quarte (Tritonus) und verminderte Quinte

Inhalt

Das natürliche Vorkommen

Tritonus und verminderte Quinte sind sehr interessant, weil sich beide Intervalle mit den weißen Tasten des Klaviers nur ein einziges Mal bilden lassen. Dadurch kann man in tonaler Musik anhand dieser Intervalle eindeutig erkennen, in welchem Tonartenraum man sich befindet. Mit den Tasten f und h beispielsweise lässt sich eine verminderte Quinte (grün = ) und eine übermäßige Quarte bzw. ein Tritonus (blau = ) bilden. Beide Intervalle geben darüber Auskunft, dass man sich im Tonartenraum C-Dur/a-Moll befindet:

Obwohl verminderte Quinte und übermäßige Quarte auf den Tasten sehr ähnlich aussehen, sind sie verschieden, wenn man auf ihren Inhalt schaut. Denn die verminderte Quinte umspannt zwei Halb- (Ht) und zwei Ganzttonschritte (Gt), der Tritonus enthält dagegen – wie der Name von griechisch tri (τρι) = drei und tónos (τόνος) = Ton schon sagt – drei Gantonschritte:

Fügen wir den Tönen f und h nun noch ein d hinzu, ergibt sich ein verminderter Akkord aus zwei kleinen Terzen (Grundstellung = ) oder aus einer übermäßige Quarte und einer kleinen Terz (zweite Umkehrung bzw. Quartsextakkord = ). Auch den verminderten Akkord gibt es auf den weißen Tasten nur ein einziges Mal:

Erweitern wir den verminderten Dreiklang mit einer weißen Taste zu einem Septakkord, ergeben sich zwei Möglichkeiten:

  • einen Dominantseptakkord durch den Ton g (= ) oder
  • einen halbverminderter Septakkord durch den Ton a (= ).

Ohne Chromatik lassen sich auch diese beiden Septakkorde jeweils nur einmal auf den weißen Tasten bilden:

Das folgende Notenbeispiel zeigt das Vorkommen (X) dieser beiden Septakkorde im Rahmen einer C-Dur- und a-Moll-Tonleiter:

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Wenn man beide Akkorde jeweils über einen Kadenz traditionell auflöst, kann man die Zugehörigkeit der Akkorde zum Tonartenraum C-Dur bzw. a-Moll gut hören:

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Geschichtliches

Geschichtliches

Theoriegeschichte

Theoriegeschichtlich galten sowohl die übermäßige Quarte als auch die übermäßige Quinte als »Teufel in der Musik«. Jedoch nicht nur diese Intervalle: Alle perfekten Konsonanzen (also neben der Quarte und Quinte auch die Oktave und Prime), die mit den Tonsilben ›mi‹ und ›fa‹ verschiedener Hexachorde gesungen worden sind, wurden als »diabolus in musica« geächtet:

Aus: F. Ioanne Nucio (Nüßler), Musices Poeticae sive de Compositione Cantus, 1613, → Digitalisat

Auf welche Weise werden die Stimmen Mi & Fa gegeneinander gesetzt? Mi & Fa in Prime [unisono], Quarte, Quinte und Oktave und die übrigen perfekten Intervalle dürfen niemals gegeneinander gesetzt werden. Man kann nämlich nicht sagen, wie sehr das Gegeneinandersetzen von weichen und auch harten Stimmen die Ohren beleidigt.

F. Ioanne Nucio, Musices Poeticae sive de Compositione Cantus, 1613 (Übersetzung)

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Dass Nucius von harten und weichen Stimmen redet, lässt sich in Anlehnung an die Doppelstufe b/h erklären. Denn die Saite des Stammtons b (b mollis) hatte weniger Spannung als die etwas höhere Saite des Stammtons h (b durus). Zusammenklänge zwischen den ›weichen‹ Tönen b und es auf der einen sowie den ›harten‹ Tönen e und h auf der anderen Seite sollten nach Nucius nicht verwendet werden (also der chromatischer Halbtonschritt, die übermäßige Quarte und verminderte Quinte sowie die übermäßige Oktave) .

Kompositionsgeschichte

Die Anleitung von Nucius ist 1613 gedruckt worden. In dieser Zeit hatte sich in der Praxis das ›Mi contra Fa‹ bereits durchgesetzt (z.B. in der Oper oder in Madrigalen). Unglaublich schöne Musik könnten wir heute nicht hören, wenn die Komponisten der Anweisungen von Nucius bedingungslos gefolgt wären. Das folgende Beispiel stammt aus dem Lamento della Ninfa von Claudio Monteverdi (veröffentlicht im 8. Madrigalbuch, 1638), in dem die Solistin kurz vor dem Ende den ausdrucksvollen Melodiesprung d-gis singt:

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Cl. Monteverdi, Lamento della Ninfa.
Sopran: Emma Kirkby, Tenöre: Paul Agnew und Andrew King, Bass: Alan Ewing.
The Consort of Musicke, Ltg.: Anthony Rooley, Quelle: YouTube

Ein wenig früher endet mit dem gleichen Sprung d-gis in der Melodie sogar das Madrigal Mille volte il di von Carlo Gesualdo (6. Madrigalbuch, 1611):

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Carlo Gesualdo, Mille volte il di, Ensemberlino Vocale, Ltg: Ulrich Kaiser

Auch im 18. Jahrhundert lassen sich viele ausdrucksvolle Beispiele für verminderte und übermäßige Intervalle finden. Die historisch gewachsene Verbindung von der verminderten Quinte und schmerzhaftem Ausdruck findet sich sogar gelegentlich noch im 19. Jahrhundert, z.B. wenn Max im Freischütz singt: »mich fasst Verzweiflung, foltert Spott«.

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Carl Maria von Weber, Der Freischütz, Szene des Max, Tenor: Rudolf Schock,
Berliner Philharmoniker, Joseph Keilberg, Erstaufnahme 1959, Lizenz: CC0 (in Deutschland)

Gegenüber der verminderten Quinte findet sich die übermäßige Quarte als Melodieintervall in Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts seltener. In der Sinfonia in f-Moll von Johann Sebastian Bach erklingt im Bass ein chromatischer Lamentobass, während der Komponist in der jeweils dritten Phrase des Themas eine übermäßige Quarte (zuerst im Alt b-e, dann im Sopran f-h) verwendet:

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J. S. Bach, Sinfonia Nr. 9 in f-Moll BWV 795, Klavier: Glenn Gould, Quelle: YouTube

Kontext

Der Kontext entscheidet

Unter Verwendung einer schwarzen Taste, lassen sich verminderte Quinte und Tritonus von jeder weißen Taste aus bilden, zum Beispiel:

Aufgabe

Überlege, zu welchem Tonartenraum die beiden Tasten gehören, wenn man sie liest als

  • e und b oder
  • e und ais.

Ob ein Intervall Allerdings erhalten Töne ihre Bedeutung erst durch einen Kontext bzw. andere Töne. Das lässt sich veranschaulichen, wenn zu man den Tönen des vorangegangenen Beispiels den Basston wechselt:

MIDI

Wechselt die Bedeutung eines Tons, wird das über die Notation kenntlich gemacht. Aber Achtung:

Nicht jedes Intervall, dass auf den Tasten des Klaviers wie ein Tritonus aussieht, ist auch ein Tritonus, wenn man die Töne entsprechend ihrer Bedeutung richtig notiert!

Wenn du zu den oberen Tönen im Bass ein fis spielst, hört man einen Dominantseptakkord. Die oberen Töne sind demnach als Septime e und als Terz ais zum Basston fis zu notieren. Der Tritonus eais umfasst die Ganztönen efisgisais:

Spielt man zu den oberen Tönen im Bass dagegen ein c, erklingt auch ein Dominantseptakkord. In diesem Fall wären die oberen Töne als große Terz e und kleine Septime b zu notieren. Da das Intervall eb jedoch zwei Halbtöne und zwei Ganztöne umfasst (ef und ab sowie fg und ga), handelt es sich dabei nicht um einen Tritonus, sondern um eine verminderte Quinte. Dass es sich bei e (unten) und b (oben) um eine verfärbte bzw. chromatisierte Quinte handelt, lässt sich überprüfen, indem man die Vorzeichen weglässt. Ohne Vorzeichen heißen die Töne e → h (reine Quinte) und das ♭-Vorzeichen verkleinert diese Quinte zu e → b. Das folgende Beispiel zeigt in den Oberstimmen daher keinen Tritonus, sondern eine verminderte Quinte:

Ist das nicht egal?

Gelegentlich hört man in diesem Zusammenhang die folgende Bemerkung:

Übermäßige Quarte oder verminderte Quinte, ist das nicht egal egal? Die Tasten sind doch gleich!

Die Antwort lautet: natürlich nicht! Denn schaut man nur auf ein äußeres Merkmal wie gleiche Tasten geht der Charakter, also die Bedeutung der Töne in einem Kontext verloren. Für Musikerinnen und Musiker ist der Satz also ungefähr so sinnvoll wie die Aussage:

Katrin oder Johannes, ist das nicht egal? Die sind doch beide 176 cm groß!

Die unterschiedliche Bedeutung der Töne wird unmittelbar verständlich, wenn man die Dominantseptakkorde korrekt auflöst:

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Es ist interessant, dass je nach Klanglage sowohl die Dominanten als auch die Auflösungsakkorde im Verhältnis einer verminderten Quinte oder eines Tritonus erklingen. Was wäre, wenn es einen Musikstil gäbe, in dem die Bedeutung der Töne verblasst, so dass sie ihren ursprünglichen Charakter verlieren? Diesen Musikstil gibt es, mehr dazu kannst du hier erfahren.