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Das wissenschaftliche Lesen unterscheidet sich von dem Lesen alltĂ€glicher Texte. Ein Roman oder Zeitungsartikel liest man in der Regel von vorne nach hinten durch. FĂŒr wissenschaftliche Texte gibt es dagegen verschiedene Lesetechniken, die ein zielgerichtetes Auswerten in unterschiedlicher Weise und Reihenfolge ermöglichen. Wie man Texte liest, ist also durch die Textart vorbestimmt. Beim wissenschaftlichen Lesen sollte daher immer eine bewusste Entscheidung erfolgen, wie man sie liest.
Ein weiterer Unterschied zum alltĂ€glichen Lesen ist eine aktive und produktive Lesehaltung, indem die Erkenntnisse bereits wĂ€hrend der LektĂŒre dokumentiert und verarbeitet werden. Diese bilden nĂ€mlich bereits wichtige Bausteine fĂŒr den anschlieĂenden Schreibprozess. GĂ€ngig Techniken sind:
- Annotierung und Markierungen wichtiger Stellen, z.B. durch Unterstreichung, Anmerkungen am Rand des Textes (NIEMALS in aus der Bibliothek entliehenen BĂŒchern!) -> zeitsparend, aber schnell unĂŒbersichtlich
- Exzerpte (darunter kann man sowohl eine Sammlung wörtlicher Zitate als auch die â gegebenenfalls kritisch kommentierte â Zusammenfassung in eigenen Worten verstehen) -> zeitaufwĂ€ndig, aber prĂ€zise
- Verschiedene Formen der graphischen Aufbereitung, (z.B. Tabellen oder Mind-Maps)
Die Dokumentation von Exzerpten und eigenen Gedanken wĂ€hrend des Lesens sollte stets gewissenhaft und vollstĂ€ndig erfolgen, etwa durch Erfassung der genauen Fundstelle. Nichts ist Ă€rgerlicher, als ein Buch oder gar mehrere BĂŒcher nach einer zitierten Passage durchsuchen zu mĂŒssen, da man sich die Seitenzahl, Autor_in oder Titel nicht notiert hat!
Nicht alle Texte, die man bei der Recherche gefunden hat, haben die gleiche Bedeutung fĂŒr die Arbeit. In einem ersten Schritt gilt es herauszufinden, welche Texte wirklich relevant fĂŒr die Fragestellung sind. Die dafĂŒr benötigte Lesetechnik heiĂt Querlesen oder diagonales Lesen. Dabei hilft es, zu wissen, wie wissenschaftliche Texte in der Regel aufgebaut sind, worauf in einer spĂ€teren Lektion noch eingegangen wird. Nahezu alle Texte enthalten eine Einleitung und ein Fazit, in denen die wesentlichen Inhalte, Methoden und Erkenntnisse erlĂ€utert werden. Monografien und SammelbĂ€nde haben ein Inhaltsverzeichnis sowie einen Klappentext oder eine Kurzbeschreibung, AufsĂ€tze oder Kapitel in SammelbĂ€nden dagegen sogenannte Abstracts, in denen die zentralen Aspekte der Texte kurz und prĂ€gnant zusammengefasst werden. Ein sinnvoller erster Schritt ist es, diese Bestandteile auszuwerten, da hier in der Regel schnell erkennbar ist, ob der Text grundsĂ€tzlich zur Fragestellung passt.
Eine weitere Technik ist das punktuelle Lesen. Benötigt man aus einem Text nur einen Teilaspekt oder eine Einzelinformation, ist diese bei digitalen Texten durch die Volltextsuche nach Stichworten oder Namen leicht zu finden. In den meisten gedruckten Publikationen gibt es Register, in denen aufgelistet ist, auf welchen Seiten Personennamen und wichtige Begriffe zu finden sind. Auch genĂŒgt bisweilen die LektĂŒre eines bestimmten Abschnitts, Kapitels oder Absatzes. Es empfiehlt sich jedoch, die Inhalte des restlichen Texts zumindest durch Querlesen zu erfassen, um die jeweilige Passage angemessen einordnen zu können.
Intensives Lesen
Diejenigen Texte, die fĂŒr eine Arbeit besonders relevant sind, mĂŒssen vollstĂ€ndig erfasst werden. Dies erfolgt durch das sogenannte intensive Lesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten bestimmte Lesestrategien systematisch anzuwenden, etwa durch unterschiedliche Leseschritte, die stets in derselben Reihenfolge durchlaufen werden (z.B. die SQ3R-Methode von Francis Robinson). All diesen Systematiken ist gemeinsam, dass der Leseprozess vor- und nachbereitet wird.
In der Vorbereitung werden Informationen ĂŒber den Kontext des Textes eingeholt und die Erkenntnisziele formuliert, die durch die LektĂŒre des Textes geklĂ€rt werden sollen. Vor allem bei lĂ€ngeren Texten ist es zudem sinnvoll, sich einen Ăberblick ĂŒber die Struktur des gesamten Textes zu verschaffen. SchlieĂlich sind nicht nur die Einzelinformationen fĂŒr das VerstĂ€ndnis des ganzen Textes notwendig; auch umgekehrt versteht man hĂ€ufig Einzelinformationen erst dann vollstĂ€ndig, wenn man sich ĂŒber ihre Funktion innerhalb der gesamten Argumentationsstruktur im Klaren ist. Auch hier bietet sich die Technik des Querlesens zur Vorbereitung der eigentlichen LektĂŒre an.
In der zentralen Phase des Lesens sind verschiedene Aspekte von Bedeutung:
- Der genaue Nachvollzug des Inhalts, des Aufbaus und der Argumentation des Textes
- Eine kritische Grundhaltung gegenĂŒber diesen Aussagen: Sind alle Kriterien der Wissenschaftlichkeit vollumfĂ€nglich erfĂŒllt? Ist der Text aufgrund neuerer Erkenntnisse der Forschung womöglich veraltet? Insbesondere Aussagen, die in die eigene Arbeit ĂŒbernommen werden, sollten möglichst anhand anderer Quellen ĂŒberprĂŒft und eingeordnet werden.
- Die nachvollziehbare Dokumentation aller Erkenntnisse: Die Aussagen des Textes sollten klar von eigenen Gedanken zu diesem Text getrennt werden. Man sollte zudem die genaue Stelle im Text dokumentieren, z.B. mit der Seitenzahl.
In der abschlieĂenden Phase der Nachbereitung geht es zum einen darum, die einzelnen Informationen des gelesenen Textausschnittes wieder in Beziehung mit dem gesamten Text und mit dem Forschungsvorhaben zu setzen. Zudem ist es in der Regel nötig, die eigenen Notizen nochmals auf das Wesentliche zu reduzieren und klar zu strukturieren.
Ob die hier geschilderte Einteilung des Leseprozesses in drei Phasen jedes Mal sinnvoll oder gar notwendig ist, hÀngt stets vom Einzelfall ab. Auch die Auswahl der Lesetechniken ist abhÀngig von den Vorlieben der lesenden Person und von der Art und LÀnge des Textes. Wichtig beim wissenschaftlichen Lesen sind vor allem drei Aspekte:
- Die klare Dokumentation aller Erkenntnisse
- Die kritische Grundhaltung gegenĂŒber dem Text
- Die bewusste und planvolle Steuerung des Leseprozesses
- Matthew Gardner, Sara Springfeld, Musikwissenschaftliches Arbeiten. Eine EinfĂŒhrung, 2. Auflage, Kassel u.a. 2018.
- Norbert Franck, Joachim Stary, Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. Eine praktische Anleitung, 17. ĂŒberarbeitete Auflage, Paderborn 2013.
- Otto Kruse, Lesen und Schreiben, 3. ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage, Konstanz, 2018.


