Klaviertexturen zum Improvisieren

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Oftmals ist die Textur derjenige musikalische Baustein, der sich, gerade für Klavier-Nebenfächler, am ehesten der Intuition entzieht. Genre, Tonsprache und Rhythmus werden spontan an das gewohnte Spielrepertoire angelehnt oder sind vorgegeben, und die Form kann für den ersten Spielfluss zweitrangig sein. Die Frage jedoch, was die Hände konkret machen sollen, beantwortet sich häufig nicht von allein. Daher sollen im Folgenden verschiedene Texturmöglichkeiten für das Klavier aufgezeigt werden.

Im Prinzip handelt es sich um Begleitmuster, wie sie für die Liedbegleitung im Fach Schulpraktisches Klavierspiel ausführlich behandelt werden. Dort geht es allerdings oft um detaillierte Texturen, meist auch kombiniert mit spezifischen Rhythmen, die typisch für eine ganz bestimmte Stilistik sind. Hier sollen eher prinzipielle Möglichkeiten einer Klaviertextur angesprochen werden.

1. Das Klavier als Melodieinstrument: Einstimmig / Zweistimmig / Mehrstimmig

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Eine Möglichkeit ist das Spielen einzelner Stimmen. Dabei sollte auch die Einstimmigkeit nicht unterschätzt werden: gerade am Klavier mit seinen vielen Möglichkeiten zur Mehrstimmigkeit und zum Akkordspiel ist die Kraft und Wirkung einer einzelnen Melodielinie schnell vergessen. Viele andere Instrumente oder auch Sänger*innen haben nur diese Option und vermögen daraus packende und spannende Improvisationen zu gestalten. Die Fähigkeit, mit einer einzelnen Stimme einen Spannungsbogen zu halten, ohne dabei auf Akkorde oder ähnliches zurückgreifen zu müssen, sollte auch am Klavier unbedingt geübt werden.
Auf der anderen Seite scheinen zwei- und mehrstimmige Passagen, gerade beim Improvisieren, durch die mentale "Doppelbelastung" schnell abschreckend kompliziert. Doch auch das kann geübt werden, und gerade in freieren Improvisationsformen kann man Mehrstimmigkeit auch als eindrückliche Technik für einen sich bewegenden und umschlingenden musikalischen Effekt nutzen, ohne aufgrund von Stilregeln zu viel "rechnen" zu müssen.
Im Folgenden ein Beispiel des Beginns einer Klavierimprovisation, die sich von der Einstimmigkeit schrittweise zur Mehrstimmigkeit fortspinnt.

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Brad Mehldau, After Bach: Dream. Quelle: YouTube

2. Das Klavier mit Doppelaufgabe: Melodie + Basston (Bordun/Ostinato)

Für diese Technik wird einer Melodiestimme entweder ein gleichbleibender Ton, ein gleichbleibendes Intervall oder eine sich wiederholende Figur hinzugefügt. Häufig liegt dabei die Melodiestimme in der rechten Hand und die Bordun- bzw. Ostinatostimme links.
Ähnlich der einstimmigen Improvisation gilt es, Anspruch und Wirkung dieser Technik nicht zu unterschätzen. Mit der modalen Improvisation hat sich ein ganzer Zweig der künstlerischen Erforschung der darin enthaltenen Möglichkeiten verschrieben. Wichtig hierbei ist ein feines Verständnis für die unterschiedlichen Intervalle: aufgrund des omnipräsenten Grundtones besitzt jeder Ton einen anderen Charakter. So hat im Notenbeispiel das konsonante f' als Terz einen anderen Bezug zum Grundton d als das etwa die dissonante Sekunde e', und diese klingt wieder anders als die Quarte, die Quinte etc. (T. 1-2).

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Ändert sich der Basston, wie in Takt drei, ensteht sogar eine doppelte Beziehung des Meldietones: einmal zum Basston und einmal zum Grundton. Denn das c im Bass in Takt drei wird eher als siebte Stufe denn als neuer Grundton wahrgenommen. Das e' in der Melodiestimme bildet nun sowohl eine Dissonanz als Sekunde zum Grundton, als auch eine Konsonanz als Terz zum Basston. Dazu kommt schließlich noch die intervallische Beziehung zum vorangegangenen Ton. Dieses Beziehungsgeflecht zu meistern und gezielt zu nutzen ist sehr anspruchsvoll. Zudem spielen weitere musikalische Parameter wie Klangfarbe, Rhythmus etc. eine umso präsentere Rolle, da die Harmonik als spannungserzeugendes Mittel wegfällt.
Als Hörbeispiel findet sich eine modale Improvisation über den Raga Puriya - Alap von Utsav Lal, einem Experten der Darbietung indischer klassischer Musik auf westlichen Instrumenten wie dem Klavier.

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Raga Puriya- Alap | Utsav Lal | Live Piano Concert-San Francisco. Quelle: YouTube

Gerade zu Beginn ist diese Textur dazu geeignet, ohne zu viel "Kopfarbeit" ins Spielen zu kommen und auf musikalische Aspekte achten zu können. Etwas mehr Bewegung erhält man, indem der einzelne Grundton durch ein Ostinato ausgetauscht wird, das zwar variiert werden darf, aber einer Hand eine klare repetitive Aufgabe zuteilt. Viele praktische Impro-Aufgaben und Übungen für Klavier nutzen dieses Prinzip. Das folgende Hörbeispiel basiert auf dem Improvisieren einer Melodie über einem Ostinato: Keith Jarrett auf seinem Album "Radiance".

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Keith Jarrett, Radiance, Part 12. Quelle: YouTube

3. Das Klavier mit Dreifachaufgabe: Melodie - Akkorde - Basston

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Im Schulpraktischen Klavierspiel oft auch als Melodiespiel-Satz bezeichnet, ist hier jene Klaviertextur gemeint, wie sie uns auch in vielen Kompositionen für Klavier Solo begegnet: die drei typischen Ebenen Melodie-Akkord/Begleitung-Bass werden mit zwei Händen gleichzeitig gespielt. Dies klingt, gemessen an unseren üblichen Hörgewohnheiten, oft als am "vollständigsten". Allerdings ist die Realisation klaviertechnisch nicht immer ganz einfach. Die dazu verfügbaren Optionen

  • linke Hand übernimmt zwei Aufgaben, rechte Hand eine (siehe Bild rechts)
  • linke Hand übernimmt eine Aufgabe, rechte Hand zwei
  • beide Hände übernehmen jeweils Teile der Akkord-/Mittelstimmen

weisen je nach Kontext unterschiedliche Vor- und Nachteile auf.

Gerade zu Beginn empfiehlt es sich, zunächst die anderen Texturen zu üben und sich den 3er-Satz nach und nach zu erschließen. Im Hörbeispiel improvisiert Bill Evans zu der Melodie von "Danny Boy", der er Bass- sowie Akkordtöne beifügt:

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Bill Evans, The Complete Riverside Recordings. Danny Boy (Album Version). Quelle: YouTube

4. Das Klavier als Akkordinstrument: Arpeggien und Akkorde

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Eine andere Option ist es, das Klavier in seiner Rolle als Akkordinstrument wahrzunehmen und sich auf einer akkordischen, arpeggierten oder tremolierten Textur zu bedienen. Selbstverständlich können hierbei ebenso Melodien dargestellt werden, etwa durch den Oberstimmenverlauf; ebenso können die untersten Töne als Basstöne interpretiert werden, wodurch sich eine Überschneidung mit der vorherigen Textur ergiebt. Diese Unschärfe der hier dargestellten Klassifikationen ist folgenden Hörbeispiel gut hörbar: neben der arpeggierten Textur finden sich ebenfalls Melodien in Ober-, Mittel- und Bassstimme.

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Brad Mehldau "Hey Joe", in: Brad Mehldau: The Greatest Jazz Pianist of Our Generation. Rick Beato. Quelle: YouTube

In Kombination mit popmusiktypischen Harmoniefolgen feiert diese Textur auch große Erfolge beim Kreieren von "relaxing music":

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Relaxing Piano Fireplace Music 🔥 Instrumental Fireplace Ambience. Quelle: YouTube

5. Klavier als Soundgeber: Stimmung und Atmosphäre

Hierbei stehen keine typischen musikalischen Konzepte wie eine Melodie, ein Akkord oder eine harmonische oder modale Struktur im Vordergrund, sondern es zählt der entstehende Sound. Dies können eher getragene Klänge, wie im folgenden Ausschnitt einer Improvisation von Sullivan Fortner sein:

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Sullivan Fortner plays free improv | Elbphilharmonie Sessions. Quelle: YouTube

Oder springende, suchende, wie im folgenden Ausschnitt aus derselben Improvisation:

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Sullivan Fortner plays free improv | Elbphilharmonie Sessions. Quelle: YouTube

... oder auch völlig andere, die Möglichkeiten sind zahllos. Typisch ist diese Art der Textur etwa auch in der Film- oder Theatermusik.

6. Klavier als Rhythmusinstrument

In dieser Textur wird die rhythmische Seite des Klaviers der harmonischen oder melodischen vorangestellt. So bezieht etwa folgende improvisierte Intro einen Großteil ihres Spannungsgehaltes aus der rhythmischen Komponente:

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Ssahha - Ummi. Negsha. Quelle: YouTube

In diesem, bereits oben genutzten Beispiel steht die Rhythmisierung einzelner Töne im Vordergrund:

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Raga Puriya- Alap | Utsav Lal | Live Piano Concert-San Francisco. Quelle: YouTube

Üben mit der Textur

Viele Improvisationsübungen schätzen als Einstieg die Textur "Melodie + Basston (Bordun/Ostinato)". Hierbei kann man eine gewisse improvisatorische Unabhängigkeit der Hände trainieren, während der melodische und harmonische Erfindungsprozess sich auf eine Stimme fokussiert. So kann beispielsweise mit der modalen Improvisation zu einem Grundton begonnen werden. Im nächsten Schritt können einfache Ostinati zum Üben erfunden werden, etwa im Stile folgenden Beispiels:

Anschließend können die verschiedenen Texturen systematisch durchgegangen werden, zum Beispiel mit ein und dem selben Konzept bzw. Ansatzpunkt für die Improvisation. So kann man sich gut auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der verschiedenen Texturen einlassen.