
In dieser Einheit geht es um politische Kommunikation auf TikTok und darum, wie Politik dort mit Musik, Sounds, Trends, Humor und kurzen Videoformaten inszeniert wird. Anhand konkreter TikTok-Beispiele wird untersucht, wie politische Botschaften auf Social Media Aufmerksamkeit erzeugen, welche Rolle algorithmische Sichtbarkeit spielt und wie sich Information, Selbstdarstellung und Unterhaltung miteinander verbinden. Die Einheit führt von der Analyse politischer Kurzvideos über die Reflexion von Chancen und Risiken sozialer Medien bis hin zur eigenen kreativen Gestaltung. Dabei können politische Botschaften in Form von Cover-Parodien, Kampagnenideen oder kurzen Remix-Ansätzen musikalisch und medial zugespitzt werden. So verbindet das Material Musikunterricht, Medienbildung und politische Bildung auf anschauliche Weise und eröffnet einen lebensweltnahen Zugang zu Politainment auf TikTok. Das Lehr- und Lernmaterial ist Teil der Reihe MUSIKVIDEOS IM UNTERRICHT und kann hier heruntergeladen werden.
Inhalt
POLITAINMENT AUF TIKTOK | #STRATEGIE
Politik auf TikTok – Musik zwischen Wahlwerbung, Information und Meme-Kultur
TikTok ist für viele Jugendliche ein zentraler Ort der Mediennutzung. Die Plattform ist längst mehr als ein Ort für Tanzvideos oder Unterhaltung: Auch Politiker:innen, Parteien, Aktivist:innen und politische Influencer:innen nutzen TikTok, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, Themen zu setzen und politische Botschaften zu verbreiten. Dabei folgt politische Kommunikation auf TikTok anderen Regeln als klassische Politikformate wie Reden, Plakate oder Pressemitteilungen.
Inhalte sind meist:
- kurz und pointiert,
- stark visuell,
- emotional oder humorvoll,
- eng an Trends, Sounds und Plattformformate gebunden.
Politische Aussagen erscheinen auf TikTok häufig nicht als sachliche Information, sondern als Performance: Politiker:innen tanzen, spielen Rollen, reagieren auf Memes oder nutzen populäre Musik, um ihre Inhalte sichtbar zu machen.
Politik als Performance
Diese Form der Darstellung kann politische Themen zugänglicher machen und neue Zielgruppen erreichen. Gleichzeitig verändert sie aber auch, wie Politik wahrgenommen wird:
- Inhalte werden verkürzt,
- Emotionen gewinnen an Bedeutung,
- Inszenierung kann wichtiger erscheinen als Argumente.
Für Zuschauer:innen ist es deshalb nicht immer leicht zu unterscheiden:
- Was ist Information?
- Was ist Selbstdarstellung?
- Was ist Unterhaltung?
Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich politische Kommunikation auf TikTok.
Wie nutzen Politiker:innen TikTok? Vergleich von zwei Akteur:innen
In dieser Analyse vergleicht ihr TikTok-Clips von Markus Söder (CSU) und Caren Lay (Die Linke). Pro Person stehen zwei Videos zur Verfügung, die sich in Stil, Ziel und Wirkung unterscheiden. Beantwortet die Fragen.
1. Unterschied & Zweck
Wie unterscheidet sich bei jeder Person Clip 1 von Clip 2?
Achtet auf:
- Bildaufbau / Kamera / Schnitt,
- Sprache (sachlich, humorvoll, ironisch),
- Inszenierung (privat, professionell, „nahbar“),
- Trend-/Meme-Elemente
2. Politainment-Mix
Wie werden Unterhaltung, Selbstdarstellung und politische Information verknüpft?
Was ist „Info“, was ist „Show“, was ist „Image“?
3. Musik-Fokus
Welche Rolle spielt Musik dabei?
Markus Söder (CSU)
Markus Söder ist ein deutscher Politiker der Christlich-Sozialen Union (CSU) und seit 2018 Ministerpräsident von Bayern. Er äußert sich häufig zu Fragen der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik und setzt sich für konservative Werte ein. In der Öffentlichkeit tritt er oft als entschlossener Vertreter bayerischer Interessen auf.
Clip 1: "Boxen"
Clip 2: „Winter Wonderland“
Caren Lay (Die Linke)
Caren Lay ist eine deutsche Politikerin der Partei Die Linke und seit 2009 Mitglied des Bundestags. Sie engagiert sich besonders in den Bereichen Wohnen, Mieten und soziale Gerechtigkeit. In ihrer politischen Arbeit setzt sie sich für bezahlbaren Wohnraum und eine stärkere Unterstützung sozial schwacher Gruppen ein.
Clip 1: „1 Jahr Caren auf TikTok“
Clip 2: „Mietendeckel and the City“
WIE TIKTOK SICHTBARKEIT STEUERT | #PLATTFORMLOGIK
Wie funktioniert TikTok? Und was ist ein Algorithmus?
Ein Algorithmus ist eine Reihe von Regeln, nach denen ein System entscheidet, welche Inhalte dir angezeigt werden. TikTok nutzt dafür ein datenbasiertes Empfehlungssystem: Die App beobachtet, wie du dich verhältst – zum Beispiel, welche Videos du lange anschaust, likest, kommentierst, teilst oder speicherst. Daraus „lernt“ TikTok, was dich wahrscheinlich interessiert – und zeigt dir mehr davon.
Was bewertet TikTok besonders stark?
- Watchtime: Wie lange schaust du ein Video? Schaust du bis zum Ende?
- Interaktion: Likes, Kommentare, Teilen, Speichern
- Inhaltliche und gestalterische Elemente: Hashtags, Text, Bild, Sounds/Audio
- Kontext: z. B. Sprache/Region (untergeordnet)
Wichtig: TikTok will dich möglichst lange auf der Plattform halten. Deshalb werden Inhalte bevorzugt, die dich „dranbleiben lassen“ – nicht unbedingt Inhalte, die objektiv besonders wichtig sind.
Ziel des Algorithmus:
Dich möglichst lange auf TikTok zu halten.
Wer steckt hinter TikTok?
Hinter der Plattform TikTok steckt die chinesische Firma ByteDance. Sie gehört zu den größten Tech-Unternehmen der Welt und hat mit TikTok eine der beliebtesten Apps geschaffen. Wie viele große Plattformen arbeitet TikTok mit einem datenbasierten Geschäftsmodell: Je länger Nutzer:innen auf der Plattform bleiben, desto wertvoller wird ihre Aufmerksamkeit. Wie viele große Tech-Unternehmen sammelt ByteDance dabei Daten über alle User:innen – auch über dich. Eigentlich müsste sich das Unternehmen an das europäische Datenschutzgesetz halten. Das ist jedoch schwer zu kontrollieren, und es gibt erhebliche Zweifel daran, ob dies immer geschieht. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass Daten von Nutzer:innen aus Deutschland auch staatlichen Stellen in China zur Verfügung stehen könnten.
MUSIK & PLATTFORMLOGIK | #VERTIEFUNG
„Musik ist zentraler Bestandteil der TikTok-DNA“ (Max Holtz)
Auch Max Holtz, der Social-Media-Manager von Caren Lay, betont die zentrale Rolle von Musik:
„Musik ist ein zentraler Bestandteil der TikTok-DNA. Discovery, Trends und virale Momente finden maßgeblich über Sounds, Songs und Klang statt. Stitches, Duets, Parodien und Remixe gehören fest zur Plattformkultur. Als Instagram und YouTube nachziehen, übernehmen sie zentrale TikTok-Features für Reels und Shorts.“
Musik ist das Fundament vieler TikTok-Videos
TikTok ist aus der früheren App musical.ly hervorgegangen, deren Fokus auf dem Playback von Songs lag. Diese Herkunft prägt die Plattform bis heute:
- Musik dient häufig als Ausgangspunkt für Trends, Tänze, Challenges oder Parodien.
- Bestimmte Sounds oder Song-Snippets (Ausschnitte) sind eng mit bestimmten Memes oder Videoformaten verbunden.
- Creator:innen greifen oft auf populäre Songs zurück, weil diese eine emotionale Wirkung haben oder die Inhalte pointieren.
Musik beeinflusst den Algorithmus direkt
Der TikTok-Algorithmus analysiert neben Bild- und Textinhalten auch:
- Verwendete Sounds: Wenn viele Videos denselben Song verwenden, erkennt der Algorithmus einen Trend – und pusht diese Inhalte häufiger.
- Interaktionen mit Sound-Tracks: Wenn User:innen z. B. ein Musikvideo liken, kommentieren oder es als Favorit speichern, merkt sich TikTok diese Präferenz.
- Remixing & Wiederverwendung: Songs, die oft als Grundlage für neue Inhalte (z. B. Parodien, Challenges) verwendet werden, zeigen in der algorithmischen Sichtbarkeit, sie werden also mehr User:innen angezeigt.
POLITIK ALS PARODIE | #ANALYSE
Parodie statt Parlamentsrede: Politik goes TikTok
Ein Beispiel für einen besonders kreativen Einsatz von Musik bietet der TikTok-Kanal der Politikerin Caren Lay, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke. Caren Lay nutzt TikTok unter anderem für Parodien von Popsongs, mit denen sie auf wohnungspolitische Themen aufmerksam macht – zum Beispiel auf steigende Mieten, Leerstand oder Spekulation mit Wohnraum.
Max Holtz, Social-Media-Manager von Caren Lay, entwickelte gemeinsam mit ihr eine prägnante Content-Strategie für TikTok, die millionenfache Aufrufe erzielte: Politische Cover-Parodien bekannter Songs wie z. B. „Bauch Beine Po“ und „It Girl (fett. Sampagne)“ von Shirin David, „Bad Bunny“ von Zsa Zsa oder „mietfrei“ von Ski Aggu.
Diese Parodien wurden gezielt in verschiedenen Varianten veröffentlicht – etwa als „Bundestags-Version“ oder „Empowerment-Version“ – und nutzen den Wiedererkennungswert der Originale, um sozialpolitische Botschaften neu zu verpacken. Popkultur wird dabei nicht nur zitiert, sondern durch Umtextungen und Neuinszenierungen auch politisch umgedeutet.
Schaut euch zwei von Caren Lays meistgeschauten Clips an:
Miethai
Cover von: Ski Aggu: mietfrei (2024)
Polit Girl
Cover von: Shirin David: It Girl (2024)
COVER-PARODIE ENTWERFEN | #CREATE
Vom Original zum Remix: Jetzt seid ihr dran!
Jetzt geht es in den praktischen Teil über. Ihr könnt jetzt eine eigene Cover-Parodie verfassen. Dabei könnt ihr zwischen verschiedenen Varianten auswählen. Ihr könnt eine Imitation von Caren Lays Parodien machen, einen neuen Text dazu verfassen oder eine ganz eigene freie Umsetzung wählen. Die genauen Arbeitsschritte findet ihr in diesem PDF ab S. 23:
AUTHENTIZITÄT & WIRKUNG | #REFLEXION
Echt oder gestellt? Cringe oder cool?
Authentizität bedeutet, dass etwas echt, glaubwürdig und nachvollziehbar wirkt – also nicht nur inszeniert, sondern so, dass man der Person oder dem Video „abnimmt“, was gezeigt wird. Ob ein Video authentisch wirkt, ist jedoch oft schwer zu beurteilen. Wirkung ist subjektiv: Was für die einen sympathisch oder echt erscheint, wirkt für andere peinlich, komisch oder künstlich. Authentizität hängt deshalb stark davon ab, wie Inhalte wahrgenommen werden – und diese Wahrnehmung ist individuell verschieden.
Auf TikTok spielt das eine besondere Rolle, vor allem bei Videos von Politiker:innen. Viele Inhalte wirken zunächst unangenehm oder überinszeniert. Ein Beispiel ist Caren Lay: Anfangs wurden ihre Videos häufig als „cringe“ wahrgenommen, mit der Zeit jedoch professioneller – und inzwischen gelten sie für viele sogar als „cool“. Eine wichtige Rolle spielt dabei Wiederholung. Je öfter man ein Video oder eine Person sieht, desto vertrauter wirkt sie – ähnlich wie bei Musikstücken, die man erst „okay“ findet und nach mehrmaligem Hören sehr gerne mag.
TikTok zeigt: Authentizität entsteht oft im Zusammenspiel von Performance, Wiederholung und persönlichen Erfahrungen.
Abschlussdiskussion: Cringe oder cool – was wirkt „authentisch“?
Diskussionsimpulse:
- Habt ihr schon mal ein Video gesehen, das ihr zuerst total peinlich („cringe“) fandet – und dann später doch irgendwie cool? Warum?
- Wann wirkt ein Video für euch authentisch – und wann eher gestellt oder künstlich?
- Denkt an Politiker:innen auf TikTok: Welche Tricks oder Gesten lassen sie echt wirken, welche eher seltsam oder übertrieben?