Inhalt
Vorbemerkungen
Unter einem Chor […] versteht man in der Musik eine Gemeinschaft von Sängern, in der jede Stimme mehrfach besetzt ist.
Lemma Chor (Musik) auf Wikipedia, abgerufen am 11.4.2023
In diesem Sinne ist Chormusik in der Popularmusik eine Rarität. Meistens ist mehrstimmiger Gesang im Pop solistisch besetzt, man würde also von einem Vokalensemble und nicht von einem Chor sprechen. In dieser Anleitung wird zwischen Satztechniken für diese beiden Zielgruppen nicht unterschieden.
Ebenso sind A cappella-Arrangements im Sinne von Chorgesang ohne Instrumentalbegleitung eine Ausnahme in der Popularmusik. Daher beschäftigt sich diese Anleitung vor allem mit Satztechniken für mehrstimmigen Gesang innerhalb von Band-Arrangements.
Stimmaufteilung und -Umfang
Auch in der Popularmusik heißen die Chorstimmen Sopran, Alt, Tenor und Bass (SATB). Die Stimmumfänge liegen ungefähr folgendermaßen:
- Sopran: c1–g2
- Alt: f–c2
- Tenor: c–g1
- Bass: F–c1
In der Praxis wird man die Umfänge so allerdings selten nutzen – einerseits, weil ungeübte Stimmen in Laienchören nicht alle Grenztöne erreichen, andererseits, weil die Frauenstimmen im Pop aus stilistischen Gründen meist im Vollregister singen. Zudem werden die Männerstimmen häufig zu einer gemeinsamen Stimme zusammengefasst. Andererseits wird die Tenorstimme auch oft mit Altstimmen, also Frauen, besetzt. Unisono-Passagen werden häufig nicht oktavversetzt arrangiert (wie in der europäischen Tradition üblich), sondern im echten Einklang, sodass die Frauenstimmen eher tief und die Männerstimmen eher hoch singen.
Unter diesen Voraussetzungen sind folgende Umfänge zu empfehlen:
- Sopran: a–c2
- Alt: f–a1
- Tenor (Männer): c–f1
- Tenor (Frauen oder gemischt): f–g1
- Bass: G–d1
- gemeinsame Männerstimme: c–es1

Jedes System enthält hier zwei Stimmen, die durch die unterschiedliche Halsrichtung gekennzeichnet werden.
- Vier Systeme für komplexere, polyphone Sätze

(Achtung: Der Tenor muss im ersten Beispiel Bass- und um zweiten Beispiel oktavierenden Violinschlüssel lesen!)
In der popularmusikalischen Praxis werden homophone Stimmen oft an einem gemeinsamen Notenhals notiert. Auch wird, besonders bei dreistimmigen Sätzen in enger Lage, oft nur ein Notensystem im Violinschlüssel benutzt:
- Ein System für einfache, 3-stimmige Sätze in enger Lage

(Der Tenor liest dann einen nicht oktavierenden Violinschlüssel!)
Unisono-Passagen können oktaviert oder im Einklang arrangiert werden. Falls die Passage nur einstimmig im Violinschlüssel notiert ist, sollte ein Zusatz die Lage der Männerstimmen klären (+M bzw. +M 8vb):

Textverteilung
In der klassischen Tradition werden die Noten-Balken zur Kennzeichnung von syllabischer oder melismatischer Textverteilung benutzt. Dies ist in der Popularmusik unüblich, da die Balken-Gruppierung zur übersichtlichen Darstellung von metrischen Gruppen unverzichtbar erscheint. Die Balken werden daher in popularmusikalischer Vokalmusik nicht anders gesetzt als in Instrumentalmusik. Melismen werden durch Bögen in den Noten und Bindestriche bzw. Verlängerungsstriche im Text gekennzeichnet.

Satz-Prinzipien
Grundsätze
nach Andreas Kissenbeck (Arrangieren. Ein Praxis-Kurs für Einsteiger und Fortgeschrittene. Mainz 2011, S. 13 f.)
- Jede Stimme muss gut singbar sein.
- Jede Stimme muss für sich genommen gut klingen.
- Jeder Satz muss für sich genommen gut klingen.
Mit "Satz" ist im Rahmen dieser Anleitung der gesamte Chorsatz als Teil des Gesamt-Arrangements inkl. Instrumente gemeint. Wenn innerhalb des Chorsatzes Gruppen gebildet werden (z. B. Frauenstimmen einerseits und Männerstimmen andererseits oder Melodiestimme vs. drei Unterstimmen), dann bilden auch diese Gruppen einen "Satz".
Konzepte
nach Andreas Kissenbeck (Arrangieren. Ein Praxis-Kurs für Einsteiger und Fortgeschrittene. Mainz 2011, S. 21 ff.)
- Aussetzen (mit der Melodie)
Aussetzen meint das homophone Mitgehen aller Stimmen mit der Melodie – im Einklang, oktaviert, zweistimmig, in Dreiklängen oder komplexeren Klängen:

- Begleiten (hinter der Melodie)
Bestimmte Anteile des Satzes (z. B. die unteren drei Stimmen) treten hinter die Melodie zurück, meist in polyphoner Weise:

- Kontrapunktieren (neben der Melodie)
Verschiedene Anteile des Satzes werden gleichwertig sich gegenüber oder nebeneinander gestellt:


- Orientierung an der Melodik (3-stimmig)
