Kadenzen mit Synkopendissonanz (zweistimmig)


In diesem Tutorial wird die zweistimmige Kadenz mit Synkopendissonanz erläutert. Im Vordergrund steht dabei die Perspektive, zweistimmige Kadenzen als Zusammensetzung aus einer Sopranklausel und einer Tenorklausel zu verstehen. Schaue dir dazu als erstes ein Video an:

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Hinweis

Aus physikalischer Sicht lassen sich Intervalle über Proportionszahlen bzw. Schwingungsverhältnisse beschreiben. Als gut wurden Intervalle bewertet, wenn sie – wie z.B. die Oktave – durch ein einfaches Proportionsverhältnis gekennzeichnet sind. Als schlecht wurden dagegen Intervalle angesehen, wenn deren Töne ein komplexes Proportionsverhältnis aufweisen. Aus der Perspektive der Intervallqualitäten wird in einer Kadenz ein ›schlechtes‹ Intervall (Septime, Sekunde) über ein ›imperfektes‹ Intervall (Sexte, Terz) und ein ›perfektes‹ Intervall (Oktave, Einklang) überführt. Dieser Prozess von einer Spannung zur Entspannung wurde in Analogie zur Sprache gesehen und sogar theologisch interpretiert.

Nach Guilelmus Monachus hatten Dissonanzen in der Kadenz die Funktion, der Auflösung mehr Süße zu verleihen. Er schrieb, dass nichts daran hindere,

im Einverständnis mit Sitte und Brauch der neuesten Zeit, auch Dissonanzen zu verwenden, so z.B. die Sekunde, die der Terz mehr Süße gibt, oder die Septime, die der Sexte [...] Süße verleiht.

Guilelmus Monachus, um 1470, zit. n. Jeppesen, Kontrapunkt, Leipzig 1956.

Wie der Dissonanzgebrauch hatte auch die Vorzeichenanwendung in der Kadenz einen ästhetischen Grund. Sie diente dazu, der kleinen Sexte die ›Rauheit‹ zu nehmen.

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass in der theoretischen Reflexion die Synkopendissonanz längere Zeit nur im Zusammenhang mit der Kadenz erörtert worden ist. Im Verlauf eines musikalischen Satzes galt sie dagegen als ›Unfall‹ zwischen zwei Konsonanzen, der möglichst vermieden werden sollte. Gemessen an den Entwicklungen der musikalischen Praxis wurde die Dissonanz in der Theorie erst recht spät aus dem Kadenzzusammenhang gelöst und als Träger eines spezifischen musikalischen Ausdrucks angesehen.