Die halbe Miete: Kadenzen im Choralsatz

Inhalt

Im Folgenden kannst du an einer frei erfundenen Choralmelodie Standardkadenzen üben (die Melodie wurde dem Choral Ach Gott erhör mein Seufzen, Richter-Ausgabe Nr. 2 nachempfunden). Die Zeilenschlüsse, die für die Choralsätze Johann Sebastian Bachs sehr typisch sind, werden auch als Klauseln bezeichnet.

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Falls du noch keine ausreichende innere Klangvorstellung für die Klauseln einer Kadenz hast, kannst du den Kadenzkanon verwenden. Im Kanon enden die Klauseln (Sopran-, Tenor und Bassklausel) alle auf dem Grundton.

Die Tenorklausel in der Melodie

Am Ende der ersten Zeile (erste Fermate) dieser Choralmelodie sowie am Ende der letzten Zeile (also am Ende des Chorals) erklingen Tenorklauseln. Im Kadenzkanon entsprechen diese Klauseln der ersten Phrase:

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Kadenzen im Stile Bachs lasen sich mithilfe von drei Arbeitsschritten ausarbeiten. Für den Fall, dass eine Tenorklausel gegeben ist, lauten die drei Arbeitsschritte:

  1. Sopranklausel (im Alt oder Tenor) ergänzen
  2. Bassklausel (im Bass) ergänzen
  3. An der Dissonanzstation für die vierte Stimme den fehlenden Akkordton ergänzen und von diesem Ton aus die Stimme vervollständigen.

Singe den Kadenzkanon innerlich durch und notiere die gesuchten Stimmen (Sopran- und BAssklause). Ob du die Sopranklausel dabei im Alt oder Tenor platzierst, solltest du danach entscheiden, ob die Klanglage für die jeweilige Stimme günstig liegt. Achte zudem darauf, dass in Moll-Kadenzen (hier also in der Kadenz auf d) ein Leitton in der Sopranklausel notiert werden muss. Für die Kadenzen auf f und d ergibt sich durch die Ausarbeitung des ersten Arbeitsschritts das folgende Ergebnis:

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Im zweiten Arbeitsschritt kannst du die Bassklausel wie folgt ergänzen:

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Im dritten Arbeitsschritt ermittelst du zuerst den fehlenden Ton an der Dissonanzstation (in den Notenbeispielen mit x markiert). In der F-Klausel fehlt der Ton d, um die Töne g-f-b zu einem Septakkord zu vervollständigen, in der d-Klausel muss der Ton b ergänzt werden, um e-d-g zu einem Septakkord zu komplettieren:

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Die Noten um die mit x markierte Stimme ergeben sich quasi von alleine, wenn du auf fehlende Akkordtöne achtest und dabei auf eine Verdopplung des Leittons (in der Sopranklausel) sowie größere Sprünge vermeidest. Der Achteldurchgang zur Terz des Schlussklangs (in den Beispielen oben im Tenor) ist übrigens für Choralsätze Bachs so typisch, dass du auf dieses Ornament nur in Ausnahmefällen verzichten solltest.

Die Sopranklausel in der Melodie

Am Ende der zweiten Zeile (zweite Fermate) der Vorgabe erklingt die Sopranklausel in der Melodie:

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Für den Fall, dass eine Sopranklausel gegeben ist, musst du nur die vorhin gegebenen Arbeitsschritt etwas anpassen:

  1. Tenorklausel (im Alt oder Tenor) ergänzen
  2. Bassklausel (im Bass) ergänzen
  3. An der Dissonanzstation für die vierte Stimme den fehlenden Akkordton ergänzen und von diesem Ton aus die Stimme vervollständigen.

Erster Arbeitsschritt: Die Ergänzung der Tenorklausel

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Zweiter Arbeitsschritt: Die Ergänzung der Bassklausel

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Dritter Arbeitsschritt: Vierstimmige Aussetzung auf die bekannte Weise

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Etwas seltener kommt die Tenorklausel im Bass vor, in diesem Fall könnte die vollständig ausgearbeitete Kadenz wie folgt aussehen:

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Die Altklausel (im Alt: g f f e) verläuft bei einer Tenorklausel im Bass (e d d c) in parallelen Terzen, während die Bassklausel (hier im Tenor) in die Quinte des Schlussklangs führt. Durch den anderen Sitz der Bassklausel unterscheidet sich ihre ersten Töne vom bisherigen – bzw. von dem aus dem Kadenzkanon bekannten – Verlauf.

Die Altklausel in der Melodie

Am Ende der dritten Zeile (dritte Fermate) der Vorgabe findet sich eine Form der Altklausel in der Melodie (Terzsprung abwärts).

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Für diesen Fall lauten die drei Arbeitsschritte:

  1. Harmonisieren der gegebenen Töne mithilfe einer Dominant-Tonika-Verbindung und ergänzung einer Bassstimme unter Berücksichtigung imperfekter Konsonanzen (Terzen/Sexten).
  2. Austerzen der Bassstimme durch eine dritte Stimme.
  3. Ergänzen der vierten Stimme (Verdopplung des Grundtons und Ergänzung des fehlenden Quinttons im Schlussklang).

Erster Arbeitsschritt: Ergänzung einer Bassstimme (D-T-Harmonisierung = A-Dur/d-Moll und 6-3-Bewegung im Außenstimmensatz)

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Zweiter Arbeitsschritt: Austerzen der Bassstimme in einer dritten Stimme

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Dritter Arbeitsschritt: Ergänzen der vierten Stimme durch Verdopplung des Grundtons und Ergänzung des fehlenden Quinntons im Schlussklang

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Eine andere Form der Altklausel besteht in der Tonwiederholung. Studiere hierzu die folgenden Aussetzung und achte darauf, dass neben der Tonwiederholung im Sopran nur eine Stimme geändert werden muss. Durch diese Änderung kann sogar die dissonante Septime in die Dominantharmonie integriert werden, da sie sich bei dieser Form der Altklausel (Tonwiederholungen im Sopran) korrekt vorbereiten und auflösen lässt:

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Bassklausel in der Melodie

Eine Bassklausel in der Melodie (= Quintsprung abwärts) führt üblicher Weise in den Grund- oder Quintton des Schlussklangs. Die Charakteristik dieser Wendung lässt wenig Raum für eine Aussetzung, außerdem sind Bassklauseln am Choralzeilenenden relativ selten. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, charakteristische Aussetzungen von Bach wie eine Vokabel auswendig zu lernen, um sie bei Bedarf anwenden zu können. Im Folgenden sind zwei typische vierstimmige Aussetzungen Bachs zu sehen:

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Abspringende Leittöne

Choralkadenzen ohne Quinte und korrekt aufgelöstem Leitton in einer Mittelstimme kommen beim jungen Bach vor. Später jedoch hat Bach die fehlende Quinte anscheinend mehr gestört als ein nicht korrekt aufgelöster Leitton in einer (schwer zu hörenden) Mittelstimme. Das Abspringen von Leittönen in einer Mittelstimme ist daher sehr typisch. Im Folgenden siehst du noch einmal die im Vorangegangenen ausgearbeiteten Kadenzen des Beispielchorals, wobei auf vollstimmige Schlussakkorde geachtet wurde:

  1. Kadenz = abspringender Leitton im Alt,
  2. Kadenz = aufwärtsgeführte Tenorklausel und Modifizierung der Altklausel und
  3. Kadenz = abspringender Leitton im Alt und nach Dur aufgehellte Terz (picardische Terz) im Schlussklang.
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