Pop- und Rockmusik
Einen wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema können sie hier herunterladen.
Nutzen Sie gerne auch die Unterrichtseinheiten zur Verse-Form, zur Verse-Chorus-Form und zur Verse-Chorus-Bridge-Form.
Strophe, Verse, Refrain und Chorus
In englischsprachigen Publikationen beispielsweise von Walter Everett und Ken Stephenson wird der Begriff Refrain für eine Textzeile am Ende von Strophen verwendet. Viele bekannte Songs, wie zum Beispiel I Want To Hold Your Hand von den Beatles oder The Show Must Go On von Leo Sayer werden durch einen Refrain in diesem Sinne charakterisiert:
The Show Must Go On (1973) , Text und Musik: Leo Sayer und David Courtney
Quelle: YouTube.
Die Zeile »But I won't let the show gon on« am Ende der Strophen als Refrain des Songs zu bezeichnen, steht darüber hinaus im Einklang mit einer Erklärung im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm:
kehrreim, m. für refrain vorgeschlagen und gebraucht von Bürger [...], reim der am ende jeder strophe wiederkehrt; an der letztern stelle rät er auch kehrsatz m., und kehrum m.; auch kehrzeile hat man dafür gebraucht
Der Song The Show Must Go On weist nur einen musikalischen Formteil auf, der zu jeder Strophe wiederholt wird. Die Vertonung einer Strophe wird üblicher Weise als Verse bezeichnet. Ein Problem entsteht dadurch, dass im deutschsprachigen Raum der Begriff Refrain nicht für eine Textzeile, sondern für einen größeren Musik- und Textabschnitt steht. In dem Song California Girl der Beach Boys beispielsweise wechseln sich im Verlauf des Songs zwei Abschnitte ab. Die musikalische Gestaltung zum Text »I wish they all could be California girl [...]« wird dabei üblicherweise als Refrain oder Chorus bezeichnet:
California Girl (1965), Text und Musik: Brian Wilson und Mike Love
Quelle: YouTube.
Als Refrain können also sowohl eine einzelne Textzeile (zum Beispiel am Anfang oder Ende einer Strophe) sowie längere sich wiederholende Textabschnitte und die dazugehörige Musik bezeichnet werden. Das Problem wird verschäft, wenn man sich englischsprachige Definitionen zum Chorus anschaut:
The arrival of a group of singers usually marks the beginning of (in fact provides the name for) the Chorus. The entrance of other Instruments (strings, for instance) can help deliniate the form as well.
John Covach, »Form in Rock Music. A Primer«, in Engaging Music. Essays in Music Analysis, New York 2005, S. 126.
In addition of the lyric function, the larger-than-life Chorus often has a thicker texture, and perhaps more dramatic harmonies, melodic shape, or rhythms than are characteristics of the verse, which often settles down to its individualistics, sometimes intimate nature.
Walter Everett, The Foundation Of Rock, New York 2009, S. 145.
Denn der Name Chorus verweist dem Ursprung nach auf eine musikalische Struktur bzw. eine Soundeigenschaft und nicht auf einen wiederkehrenden Text. Wie ist daher mit Songs zu verfahren, die einen Chorus bzw. einen wiederkehrenden und musikalisch hervorgehobenen Abschnitt haben, aber keinen Text, der in diesen Formteilen wiederholt wird? Das trifft zum Beispiel auf den Song The Winner Takes It All der Popformation ABBA zu:
The winner takes it all the loser standing small beside the victory that’s her destiny
The gods may throw a dice their minds as cold as ice and someone way down here loses someone dear
The winner takes it all the loser has to fall it’s simple and it’s plain why should I complain
The judges will decide the likes of me abide spectators of the show always staying low
The game is on again a lover or a friend a big thing or a small the winner takes it all
The winner takes it all, The winner takes it all
Durch die höhere Gesangslage und die ausdrucksvollen Septimsprünge erkennt man in The Winner Takes It All zwar einen Chorus, doch in diesen Abschnitten erklingt nie der gleiche Text (selbst die Titelzeile wird nicht in jedem Chorus gesungen). Man könnte daher sagen, dass ABBAs Welthit zwar einen Chorus (= hervorgehobener musikalischer Abschnitt), jedoch keinen Refrain (= wiederkehrenden Text) hat.
Darüber hinaus gibt es Songs, die einen Refrain haben, jedoch keine musikalisch hervorgehobene Gestaltung aufweisen:
Sympathy (1969), Text und Musik: Dave Kaffinetti, Mark Ashton, Stephen Gould und Graham Field
Quelle: YouTube.
In diesem Song wirkt zwar jeder musikalische Abschnitt gegenüber dem vorhergehenden wie eine Intensivierung, doch keine der Soundgestaltungen ist herausragend und wird wiederholt, so dass es angemessen wäre, sie als Chorus zu bezeichnen.
Möchte man aus diesen Beobachtungen Konsequenzen ziehen, liegt es nahe, die Begriffe Verse und Chorus vollkommen unabhängig von den Begriffen Strophe und Refrain zu definieren. Diese Unabhängigkeit ermöglich es, einen Chorus (= musikalisch hervorgehobener Abschnitt) als Vertonung einer Strophe (= nicht wiederkehrender Text) und einen Verse (= zurückgenommener Charakter) als musikalische Gestaltung eines Refrains (= wiederkehrender Text) zu bezeichnen. Die Tabelle veranschaulicht die vier Möglichkeiten:
Möglichkeit: | 1 | 2 | 3 | 4 |
|---|---|---|---|---|
Text | Strophe | Refrain | Strophe | Refrain |
Musik | Verse | Verse | Chorus | Chorus |
Es ergeben sie die folgenden Definitionen:
Definition Strophe/Refrain: Die deutschen Begriffe ›Strophe‹ und ›Refrain‹ beziehen sich auf Text und nicht auf Musik. Als ›Strophe‹ werden verschiedene, in Länge, Syntax, Reimschema etc. korrespondierende Einheiten eines Songtextes bezeichnet. Mit ›Refrain‹ wird dagegen ein Textabschnitt benannt, der im Songverlauf unverändert bzw. nahezu unverändert wiederkehrt und der vom Umfang her ein Gegengewicht zu den Strophen bildet.
Definition Verse/Chorus: Die englischen Begriffe ›Verse‹ und ›Chorus‹ beziehen sich auf Musik und nicht auf Text. Verse und Chorus sind musikalische Abschnitte, die in einem Song mehrfach wiederkehren. Ein ›Verse‹ moduliert üblicherweise nicht und beginnt oder endet meist auf der ersten oder fünften Stufe. Auffälligstes Merkmal des ›Chorus‹ ist die Steigerungsfunktion gegenüber dem Verse, die sich auf sehr vielfältige Weise vermitteln kann (z.B. über eine einprägsame oder in einer höheren Oktavlage erklingenden Melodik, komplexere Harmonik, Variation des Drum-Patterns, Änderung des Time-Feelings, exponierte Soundgestaltung etc.). Der Gesang sowohl im Verse als auch im Chorus kann durch solistisches Instrumentalspiel ersetzt werden (= ›instr. Verse‹ bzw. ›instr. Chorus‹).
Definition Refrainzeile/Headline: Um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden, wird der Begriff ›Refrain‹ nicht zur Kennzeichnung einer wiederkehrenden Textzeile wie zum Beispiel in Sunny von Boby Hebb verwendet. Hierfür sowie für kurze Textphrasen (die in der Regel den Titel des Songs enthalten) wie zum Beispiel Hey Jude in Paul McCartneys gleichnamigem Song wird der Terminus ›Refrainzeile‹ vorgeschlagen. Eine Refrainzeile tritt charakteristischerweise am Anfang oder Ende einer Strophe oder eines Refrains in Erscheinung. Die mehrfache Wiederholung einer Refrainzeile kann einen Refrain bilden. Eine musikalisch prägnante Gestaltung der Refrainzeile heißt ›Headline‹.
Ulrich Kaiser, »Babylonian confusion. Zur Terminologie der Formanalyse von Pop- und Rockmusik«, Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 8/1 (2011), S. 55.
Dadurch, dass Verse oder Chorus nicht über das Erscheinen eines Textes definiert worden sind, ist es auch sinnvoll, von einem instrumentalen Verse oder einem instrumentalen Chorus zu sprechen. Ein instrumentaler Verse oder Chorus muss dabei die Merkmale eines gesungenen Verse oder Chorus aufweisen, nur dass der ›Gesang‹ hier von einem Instrument (z.B. einer E-Gitarre oder einem Klavier) übernommen wird. In einigen Stücken haben die singende E-Gitarre oder das Klavier sogar eine textausdeutende Funktion (z.B. in dem Song While My Guitar Gently Weeps von George Harrsion oder in Was ich Dir sagen will von Udo Jürgens). In bestimmten Stilistiken kann man darüber hinaus einige formale Standards antreffen, z.B. ist in Bluessongs und Rock'n'Roll-Titeln häufig der fünfte Abschnitt ein instrumentaler Verse:
Big Joe Turner - Shake, Rattle & Roll, Text und Musik: Jesse "Charles Calhoun" Stone
Quelle: YouTube.
In Shake, Rattle & Roll erklingt im fünften Verse ein solistisches Saxophon. Harmonische Grundlage der Verse-Abschnitte ist das Bluesschema. Im Sinne der hier gegebenen Definitionen hat Shake, Rattle & Roll keinen Chorus, obwohl im vierten, siebten und neunten Verse ein Refrain erklingt. Denn in diesen Verse-Gestaltungen singt Big Joe Turner zwar eine andere Melodie, eine melodische Variation alleine rechtfertigt jedoch noch nicht die Bezeichnung ›Chorus‹ (in diesem Fall bestenfalls die Bezeichnung ›Verse II‹). Denn für einen Chorus wäre eine herausgehobene musikalische Gestaltung notwendig, was für den vierten, siebten und neunten Abschnitt in Shake, Rattle & Roll nicht zutrifft. Viele Blues- und Rock'n'Roll-Songs lassen sich aus den genannten Gründen angemessen als reine Verse-Form verstehen.
Ein instrumentaler oder instrumental/vokal geteilter Verse oder Chorus kommt in Rockmusik oft nach einer kontrastierenden Bridge vor, wie z.B. in Humanity der Scorpions. Auch am Ende eines Songs wie zum Beispiel in You And I derselben Formation oder Hotel California der Eagles kommen instrumentale Gestaltungen eines Verse oder Chorus vor. Darüber hinaus ist ein instrumental-vokal geteilter Chorus auch am Anfang eines Songs oder nach einem Intro möglich, wie beispielsweise in der Album-Version des Rock-Klassikers God Gave Rock'n Roll To You der Gruppe Kiss.
Kiss - God Gave Rock'n Roll To You (Albumversion)
Musik & Text: Bob Ezrin, Russ Ballard, Paul Stanley und Gene Simmons, Quelle: YouTube.